Die Erfahrung von Krieg, Vertreibung und Flucht kann Menschen krank machen - psychisch und physisch. Viele der Geflüchteten, die nach Deutschland gekommen sind, leiden an solchen Traumafolgen. Menschliche Zuwendung ist das Wichtigste für die Betroffenen, sagt die Psychotraumatologin Luise Reddemann.

Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) oder anderen Traumafolgestörungen, erleben die Situationen, die der Auslöser ihres Traumas sind, immer und immer wieder. Als wäre das nicht schlimm genug, leiden sie zusätzlich zum Beispiel unter Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsproblemen oder Reizbarkeit und sind häufig selbstmordgefährdet.

"Wenn der sogenannte traumatische Stress erst mal eingesetzt hat, fällt es Menschen sehr schwer, die Gegenwart von der Vergangenheit zu unterscheiden, und sie schalten auf Flucht- oder Kampfmechanismen um oder erstarren."
Luise Reddemann, Nervenärztin und Psychoanlaytikerin

Die Bundes Psychotherapeuten Kammer schätzt, dass 40 bis 50 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt sind. Das betrifft auch viele Kinder, die zudem oft unter den Belastungen ihrer Eltern leiden. Denn Traumafolgen können über Generationen nachwirken, so die Psychotraumatologin Luise Reddemann. Um zu helfen, müssen die Betreuenden mehr über diese Menschen und ihre sozialen Hintergründe wissen – auch jenseits einer Psycho- oder Traumtherapie, die laut Reddemann gar nicht immer das erste Mittel der Wahl sein muss. 

"Das, was jedem Menschen, der Schlimmes durchgemacht hat, am meisten hilft, ist mitmenschliche Zuwendung. Und das können wir alle - egal, was wir gelernt haben."
Luise Reddemann, Psychotraumatologin

Vor allem die Anerkennung der schlimmen Erfahrungen sei wichtig, und gemeinsam gute Erfahrungen zu machen, etwa durch gemeinsame Aktivitäten wie Sport oder Kochen. Auch die äußere Sicherheit sei bedeutend, zum Beispiel durch einen sicheren Aufenthaltsstatus. Reddemann betont aber auch, dass nicht alle Menschen, die Traumata erlebt haben, zwingend an Folgestörungen erkranken. 

"Wir stehen vor der Aufgabe, Menschen, die aus Kriegsgebieten flüchten, oder die von dort vertrieben worden sind, beizustehen. Und dazu benötigen wir möglichst Kenntnisse über die Menschen, die aus den Krisengebieten kommen."
Luise Reddemann, Nervenärztin und Psychoanlaytikerin

Luise Reddemann, seit 2007 Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und psychologische Medizin an der Universität Klagenfurt, gilt als Pionierin der Traumatherapie und hat gemeinsam mit Kollegen den Behandlungsansatz der Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie (PITT) entwickelt. In ihrem Vortrag "Zum Umgang mit posttraumatischen Belastungsstörungen als Folgen von Krieg, Vertreibung und Flucht" – gehalten am 15. November 2011 auf Einladung des Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health (CERES)  im Rahmen der Ringvorlesung "Der ganz normale Wahnsinn? Psychische Erkrankungen als gesellschaftliche Aufgabe" - beschreibt sie, wie sich Traumata bei den Betroffenen selbst aber auch bei ihren Nachkommen auswirken können und was traumatisierte Geflüchtete für ihre Heilung benötigen. 

"Da ist echt einiges positiv aus den Fugen geraten. Es gibt eine Willkommenskultur, die wir so nie erlebt haben.“
Eva van Keuk, Psychologische Psychotherapeutin

Im Anschluss an Luise Reddemann gibt die Psychologin Eva van Keuk vom Psychozialen Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf in ihrem Vortrag "Traumatisierte Flüchtlinge in Deutschland – Zwischen Willkommenskultur und Abschiebepraxis" einen sehr eindrucksvollen Einblick in ihre Arbeit mit traumatisierten und psychisch belasteten Flüchtlingen. Sie schildert die Nöte, in denen sich Geflüchtete und Migranten, insbesondere solche mit psychischen Belastungen, befinden, aber auch die Erfolge, die dank der neuen Willkommenskultur bei der Betreuung und Behandlung möglich sind. Die aktuelle Asylpolitik, so urteilt sie in ihrem Vortrag, verstärke psychische Erkrankungen von Geflüchteten, schaffe mitunter sogar neue.