Wie sich unterschiedliche Faktoren auf die Entwicklung der Inzidenzen in den kommenden Wochen auswirken, lässt sich kaum einschätzen, sagt der Modellierer Dirk Brockmann. Einige Zahlen müssten geschätzt werden.

Seit diesem Sonntag (20.03.2022) sind mit dem neuen Infektionsschutzgesetz die meisten Corona-Maßnahmen ausgelaufen. Damit gelten nur noch einige Basis-Schutzmaßnahmen und mögliche Sonderregeln für Hotspots, die die einzelnen Bundesländer erlassen können.

"Wir können nicht immer weiter die Freiheitsrechte der gesamten Bevölkerung einschneiden und begrenzen, nur weil zehn Prozent der über 60-Jährigen nicht impfbereit sind."
Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister in der Sendung "Bericht aus Berlin"

Bundesweit bleibt lediglich die Maskenpflicht im Luft- und Personenfernverkehr bestehen. Strengere Regeln kann jedes Bundesland für sich beschließen. In den Fernzügen der Deutschen Bahn gilt die 3G-Regel beispielsweise nur noch in den Bordrestaurants.

Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen können inzwischen selbst entscheiden, welche Schutzmaßnahmen in ihren Betrieben gelten sollen. Dass manche Maßnahmen zurückgenommen werden, obwohl die Infektionszahlen zurzeit sehr hoch sind, führt zu Kritik.

"Wenn Menschen beim Einkaufen keine Maske mehr tragen, wird sich das negativ auswirken. Es werden mehr effektive Kontakte stattfinden. Das lässt sich aber sehr schwer in Zahlen übersetzen."
Dirk Brockmann, Modellierer

Die Lockerungen sind nur schwer zu berücksichtigen in den Modellierungen, die der Physiker Dirk Brockmann vornimmt, um die Entwicklung der Inzidenzen vorherzusagen.

Wenn man sich den gesamten Verlauf der zurückliegenden Omikron-Doppelwelle ansehe, so entsprechen die Entwicklungen in Deutschland den Berechnungen, die Anfang Januar durchgeführt wurden. Möglicherweise, sagt Dirk Brockmann, ist jetzt ein Wendepunkt erreicht, an dem die Inzidenzen zurückgehen.

Allerdings werden Prognosen für die kommenden Wochen durch die Lockerungen erschwert, weil deren Effekt nur schwer in die Modellierungen einbezogen werden könne.

Wahrscheinlich mehr Kontakte, bei denen ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht

Die Lockerungen lassen sich nur in Form einer Kontaktzunahme in Zahlen übersetzen. Allerdings lassen sich nur schwer Aussagen darüber machen, wie viel mehr Kontakte zwischen infizierten Personen, die ansteckend sind, und Personen, die sich tatsächlich infizieren können, stattfinden werden, sagt der Modellierer.

"Deshalb ist es jetzt schwer, prognostisch zu sagen, was jetzt in den nächsten Wochen passiert, ob es einen Wendepunkt gibt oder ob es durch das sozusagen verstärkte Kontaktverhalten durch mehr Transmissionen hochgeht."
Dirk Brockmann, Modellierer

Die Höhe der Grundimmunisierung, das heißt, wie viele Menschen geimpft beziehungsweise geboostert oder genesen sind, ist auch ein Faktor, der in die Modelle einbezogen werden muss. Allerdings lasse sich das nur schwer messen. Weil diese Daten fehlen, werden Schätzungen vorgenommen, die auch dazu führen, dass Prognosen zur Entwicklung des Infektionsgeschehens in Deutschland aktuell nicht valide sein können.

Die 250.000 bis 300.000 Infektionen, die es aktuell pro Tag gibt, sorgen dafür, dass sich die gesamte Situation auch verändere, was genaue Vorhersagen außerdem erschwert. Hinzukommt eine Dunkelziffer, die zudem nur geschätzt werden kann.

Faktoren, die sich positiv oder negativ auswirken können

Auch wenn die Entwicklung der Inzidenzen für die kommenden Wochen nicht vorhergesagt werden können, so ist es trotzdem möglich, qualitative Aussagen über Faktoren zu machen, die sich positiv oder negativ auf das Infektionsgeschehen auswirken können:

Dass es langsam wärmer werde, sei ein positiver Aspekt, denn es hat sich gezeigt, dass dadurch die Kontakte in Innenräumen verringert werden. Ein negativer Effekt könnte wiederum dadurch entstehen, dass in Innenräumen weniger Masken getragen werden, so Dirk Brockmann.

Auch negativ: Es sei eine Bewegung der Infektionen hin zu den älteren Menschen zu beobachten, sagt der Modellierer. Erkrankungen von ungeimpften Menschen aus dieser Altersgruppe könnte dazu führen, dass dadurch der Druck auf das Hospitalisierungsgeschehen in den kommenden Wochen ansteigt.