Matthias hat seine Gefühle für Männer immer verdrängt. Er traf eine tolle Frau, heiratete und wurde vier Mal Papa. Nachdem das Haus stand und der Job lief, verließ er seine Familie - für einen Mann.

In "Eine Stunde Liebe" haben wir ein Interview mit einer jungen Frau geführt, deren Vater sich als schwul geoutet hat. Die Familie hatte einen harmonischen Tag miteinander verbracht, als der Vater an der Kaffeetafel erzählt hat, dass er Männer liebt. 

Im Gespräch mit Matthias hatte Deutschlandfunk-Nova-Moderator Christian Schmitt die Gelegenheit auch einen schwulen Vater zu Wort kommen zu lassen. 

"Im Sexualkundeunterricht haben sich damals die Eltern empört, wenn ganz schlicht aufgeklärt wurde wie ein Kind entsteht."
Matthias über seine Schulzeit

Matthias ist in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen. Als er 1979 Fünfzehn ist, ist Homosexualität noch ein Tabuthema und sogar strafbar. "Ich hab aber immer gedacht, das kann nicht richtig sein", erzählt Matthias. Die Bravo erklärte damals, dass es ganz normal sei, mit Fünfzehn solche Gefühle zu haben – und das würde sich auch wieder geben, erinnert er sich weiter.

"Ich habe mit Fünfzehn gemerkt, dass mir die größeren Jungs besser gefallen - und auch der durchtrainierte Sportlehrer."
Matthias über seine Pubertät

Matthias war als Jugendlicher sehr christlich eingestellt und erzählte einem Seelsorger von seinen Gefühlen. Der empfahl ihm, am Glauben festzuhalten. Bald darauf lernte Matthias seine Frau kennen. "Das war wie Seelenverwandtschaft", beschreibt er. Er konnte zum ersten Mal etwas für eine Frau empfinden und schob seine Fragen beiseite.

"Ich habe immer versucht, dieses Gefühl stehen zu lassen und nicht einzuordnen."
Matthias hat seine Gefühle verdrängt

Unterbewusst wollte er den Deckel drauf machen, als er seine Freundin nach zwei Jahren heiratete. Kinder kamen dann dazu. Der Sex mit seiner Frau war dabei nicht schlecht, erzählt Matthias, sie war die einzige Frau, mit der er je Sex hatte. Doch zwischendrin kamen ihm immer wieder Zweifel, die er verdrängte.

"Es gab immer mal wieder die Situation, dass wir Pärchen kennen gelernt haben und ich fand den Mann total attraktiv."
Matthias über die Zeit mit seiner Frau

Trotzdem bekommt Matthias mit seiner Frau noch mal ein Kind. Das Vierte, ungeplant. Das Haus war zum dem Zeitpunkt schon gebaut und beruflich ging es mit einer Fachweiterbildung für Intensivpflege weiter. Ein anstrengender Job und die Erziehung von vier Kindern - alles zusammen eine starke Belastung für Matthias. Er fühlte sich ausgebrannt. Aus heutiger Sicht: Burnout mit Depression, schätzt er. "Ich hatte das Gefühl ich genüge nicht mehr."

"Ich hatte keine Depression mehr, weil ich hatte ein anderes Problem."
Matthias

Zu der Zeit lernt er auf einem Konzert einen Mann kennen. Der ist Arzt. Die beiden unterhalten sich gut und Matthias geht mit zu ihm. Da ist es dann passiert. Mit 35 seine erste Erfahrung mit einem Mann.

Außer dass ihm Männer gefallen, hatte Matthias vor seiner Frau keine Geheimnisse. Sie hat deshalb sofort gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt. Natürlich dachte sie, es sei eine Frau.

"Sie sagte, ich gehe nicht weg, bevor du mir sagst wie sie heißt. Und ich sagte: es ist ein Mann. Dann haben wir beide geweint."
Matthias über die Trennung

Damals kam das Internet gerade auf. Matthias' Frau fand Foren und Chats von schwulen Männern die ähnlichen Biografien hatten. Sie traf sich sogar mit anderen Ehefrauen. "Sie ist da sehr progressiv mit umgegangen", erzählt er. 

"Der Schock für die Kinder ist nicht, dass jemand einen Partner, oder einen Mann hat, sondern das wir uns trennen und das ich quasi fremdgegangen bin."
Matthias

Das Problem war, dass Matthias derjenige war, der sich getrennt und das schöne Familienleben zerstört hat. Dabei konnte er seinen Kindern aber irgendwie nicht helfen. "Das war für mich das Schlimmste", meint er. 

In der Schule wurden die Kinder gemobbt

Die Kinder mussten in der Schule Einiges einstecken. In der Zehntausend-Einwohner-Stadt kannte Matthias jeder. Auch seine Eltern. Das ging also ganz schnell durch den Ort. "Da kamen Sachen wie: 'lass dich von deinem Vater ficken' und 'solche Leute gehören in die Psychiatrie'."

Für den Kleinsten - der war knapp vier – ist Matthias heutiger Mann so was wie ein zweiter Papa. Matthias findet, dass seine Kinder sehr stark aus der Geschichte herausgekommen sind. Alle sind sehr offen und sozial engagiert. Sie haben heute super Kontakt, sagt er. Auch zu seiner Ex-Frau. Als Matthias längere Zeit erkrankte, waren alle für ihn da. "Wir sind eigentlich eine Familie geblieben", findet Matthias.