Mit der Meinungsfreiheit in Hongkong ist es vorbei. Belle lebt deswegen in Vancouver. Jen träumt bislang nur davon, ihre Heimat zu verlassen.

Auswanderung ist für viele Hongkongerinnen und Hongkonger eine Option, auch weil rund drei Millionen von ihnen potentiell ein Anrecht auf die britische Staatsbürgerschaft haben. In der Stadt leben knapp 7,3 Millionen Menschen. Die Auswanderungsrate zieht seit 2020 deutlich an.

Seit dem Beginn der pro-demokratischen Massenproteste in Hongkong 2019 sind rund drei Jahre vergangen. Auslöser war ein kontroverses Auslieferungsgesetz. Straftäter*innen sollten in ihre Heimatländer ausgeliefert werden können – auch nach China. Viele Menschen in der Stadt befürchteten, dass auch politisch und religiös Verfolgte nach China ausgeliefert werden könnten.

"Drei Jahre nach den pro-demokratischen Protesten in Hongkong scheint es so, als hätte es sie nie gegeben. Der Spirit ist weg."
Joyce Lee, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Insgesamt ging es den Demonstrierenden um Freiheitsrechte und politische Selbstbestimmung. Sie lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Im Zuge der Coronavirus-Pandemie, ließen die Proteste nach. Joyce Lee war in Hongkong. Die Deutschlandfunk-Nova-Reporterin hat mit Menschen gesprochen, die sich vorstellen können, das Land zu verlassen oder schon feste Pläne haben.

Das chinesische Sicherheitsgesetz

Rund ein Jahr nach den Massenprotesten hat der Nationale Volkskongress Chinas im Mai 2020 ein nationales Sicherheitsgesetz beschlossen. Das Gesetz schränkt die Meinungsfreiheit in Hongkong weiter ein. Eigentlich hat China der Stadt, ihren Bürgerinnen und Bürgern und der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien die Unabhängigkeit Hongkongs bis 2047 zugesichert. Das Motto lautet: Ein Land, zwei Systeme.

"Nach einer Weile sahen wir, wie die Polizei angriff. Mit Pfefferspraybällen. Es war wie im Krieg. Ich war schockiert von der Gewalt der Polizei."
Belle hat an den Protesten 2019 teilgenommen

Belle hat früher als Versicherungskauffrau in der Stadt gearbeitet und sich an den Demonstrationen beteiligt. Sie ist im Januar 2022 ins kanadische Vancouver ausgewandert. Das war für sie am einfachsten, auch weil Verwandte von ihr dort leben. Sie hat angefangen in Vancouver zu studieren und aufgehört, auf ein freies Hongkong zu hoffen.

"Ich habe meinen Job letzten November aufgegeben und bin für ein Studium hierhingekommen."
Belle lebt und studiert inzwischen in Vancouver

Jen ist noch nicht so weit. Sie möchte anonym bleiben. Jen ist nicht ihr richtiger Name. Mit Anfang 20 fehlt ihr das nötige Startkapital. Sie möchte auswandern, weiß aber noch nicht wann. Im Moment ist sie nicht bereit, ihr soziales Umfeld in Hongkong aufzugeben, sagt sie. Außerdem fürchtet sie den Konflikt mit ihrem Vater. Er unterstützt die Regierung. Sie fürchtet, ihn zu enttäuschen.

Angst vor den Behörden

Vor allem wegen des nationalen Sicherheitsgesetzes will Jen Hongkong verlassen. Das Gesetzt ermöglich den Behörden nicht nur gegen Oppositionelle vorzugehen, sondern gegen alle Menschen, die offen Kritik üben.

Für Jen ist klar, dass sie ihre politischen Ansichten nicht mehr frei äußern kann – weder im Netz noch auf der Straße.

"Ich habe Angst. Ich weiß, dass ich nicht protestieren kann, dass ich nicht einfach etwas Kritisches gegen die Regierung posten kann, weil ich festgenommen werden könnte."
Jen fühlt sich in ihrer Heimatstadt unsicher

Jen fühlt sich in Hongkong nicht mehr sicher, obwohl es ihr Zuhause ist. Auch für Belle ist die Stadt immer noch ihr Zuhause. Trotzdem ist sie froh, dass sie nun in Vancouver ist.

"Ich habe wirklich nun einen Vergleich und weiß: Hier ist es viel freier als in Hongkong. Ich kann mit jedem über das reden, was ich in Hongkong erlebt habe."
Belle genießt die Meinungsfreiheit in Kanada