Benni hat über zehn Jahre lang auf der Straße gelebt, bevor er mit Mitte 30 seine eigene Wohnung in Berlin-Hellersdorf beziehen konnte. Geholfen dabei hat ihm das Hilfsprojekt "Housing First", das in Berlin seit drei Jahren als Modell ausprobiert wurde und nun auch weitergeführt wird.

Mit 18 ist Benni auf die Straße gekommen. Sein Vater hatte die Familie schon früh verlassen, seine Mutter konnte sich als Prostituierte nicht mehr um ihn kümmern und gab ihn schließlich mit 16 Jahren in ein Jugendheim in Stuttgart ab. Sobald er volljährig wurde, ging er auf die Straße. Er fing an, Alkohol zu trinken, Cannabis zu rauchen – mit 28 kamen dann noch Amphetamine dazu, erzählt er.

"Ich bin ein Spätzünder gewesen. Ich habe mit 18 zum Beispiel das erste Mal getrunken. Ich habe mit 18 das erste Mal Cannabis konsumiert. Amphetamine kamen dann mit 28 ungefähr. Ich habe eher auf den Teufel gehört als auf den Engel auf der Schulter."
Benni, lebte zehn Jahre auf der Straße

Meist schlief Benni in irgendwelchen Hinterhöfen auf Isomatten. Eines Tages organisierte er sich ein Fahrrad und fuhr damit quer durch Deutschland, bis er schließlich vor fünf Jahren in Berlin landete. Dort lernte er den Streetworker Sascha kennen, der ihn in Kontakt mit "Housing first" brachte.

Zuerst die Wohnung, dann der Rest

Beim "Housing first" werden bisherige Ansätze zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit auf den Kopf gestellt. Derzeit wird oft eine Art Treppenmodel verfolgt: Menschen müssen bestimmte Stufen durchlaufen, um dann am Ende an eine eigene Wohnung zu kommen.

Beispielsweise wird geschaut, ob die Personen Suchtprobleme oder psychische Probleme haben und ob sie in einer eigenen Wohnung klarkommen. Eine Wohnung zu bekommen, ist aber nach dem Housing-first-Modell an all diese Bedingungen nicht geknüpft, erklärt Corinna Müncho, Leiterin des Hilfsprojekts in Berlin-Friedrichshain.

Dagmara Lutoslawska ist Psychologin in diesem Team. Sie sagt: Viele Probleme entstehen beispielsweise nur dadurch, weil Menschen mit vielen anderen fremden Menschen in einem Haus zusammenwohnen müssen.

"Wir arbeiten mit den Problemen, die die Leute tatsächlich haben. Und nicht, die sie haben, weil sie gerade mit 15 anderen in einem Haus wohnen müssen."
Dagmara Lutoslawska, Psychologin bei "Housing First"

Die Warteliste ist voll

Hilfsorganisationen schätzen, dass in Berlin etwa 100.000 Menschen ohne Wohnung leben. "Housing first" konnte bisher 40 Personen an eine Wohnung vermitteln. Die Warteliste ist lang – und das in einer Stadt wie Berlin, in der es kaum freie und bezahlbare Wohnungen gibt. Als das Projekt vor drei Jahren begann, hat sich die Hilfsorganisation an die städtischen Wohnungsgesellschaften gewandt und Akquise betrieben.

Das Team hilft dann den neuen Mieterinnen und Mietern auch dabei, Arbeitslosengeld-II zu beantragen, damit die Miete erst mal gesichert ist, erklärt Corinna Müncho. Die Wohnungen, die vermittelt werden, sind dabei in ganz Berlin verteilt und nicht in besonderen Häusern oder Vierteln.

Erstmal sacken lassen

Benni hat durch "Housing First" eine Ein-Zimmer-Wohnung in Berlin-Hellersdorf am nordöstlichen Stadtrand von Berlin bekommen: Breite Fronten an Plattenbauten ragen hier in die Höhe, aber es gibt auch viele Grünflächen, was Benni für seinen Hund "Lady" wichtig war.

Als er das erste Mal in seiner Wohnung übernachtet hat, war sie noch komplett leer, erinnert sich Benni. Er habe einfach nur in seinem Schlafsack auf eine Isomatte in der Ecke gelegen und erst mal alles auf sich einwirken lassen.

Mittlerweile lebt Benni seit drei Jahren in dieser Wohnung und hat sich gut einrichten können. Er ist einfach nur froh, einen Rückzugsort zu haben, ohne nachts Angst haben zu müssen, dass man ihm den Hund wegnehmen oder den Schlafsack anzünde, erzählt er. Jetzt ist er auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz, Garten- und Landschaftsbau oder auch Koch – das wäre etwas für ihn.

"Ich habe jetzt meine Wurzeln geschlagen seit drei Jahren, sage ich mal, und ich würde sehr gerne eine Ausbildung in Garten- und Landschaftsbau machen oder meinen Traumberuf so als Koch."
Benni, war zehn Jahre lang obdachlos

"Housing first" ist europaweit in Planung

Bennis Geschichte ist nur eine von vielen. In ganz Europa sind schätzungsweise 700.000 Menschen obdachlos – Tendenz steigend. Deshalb gab es nun auch in Madrid die erste Fachkonferenz zur europaweiten Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Bis 2030 soll Obdachlosigkeit in der EU beendet werden.

Auch hier steht das Konzept von "Housing First" im Vordergrund. In den zwei Tagen der Konferenz (28.03/29.03.2022) soll beispielsweise geklärt werden, wie man in den einzelnen Ländern den Wohnungsbestand erhöhen und wie das Konzept Housing First finanziert werden kann – unabhängig von der jeweils aktuellen Regierung in den einzelnen Ländern, erklärt Dlf-Korrespondentin für Spanien, Franka Welz.

Franka Welz, Dlf-Korrespondentin für Spanien
"Es geht zum einen um die Frage Wohnungsbestand: Wie kann man den erhöhen und vor allem auch Zugang dazu bekommen. Das ist vielerorts ein ganz großes Problem."

Zudem will die Konferenz Strategien entwickeln, wie das System Housing First in den einzelnen Ländern angepasst werden kann. In Finnland wird Housing First beispielsweise schon eine Zeit lang erfolgreich betrieben, doch kann man das Konzept nicht einfach auf andere Länder wie Deutschland oder Tschechien übertragen, wo ganz unterschiedliche Vorbedingungen herrschen, erklärt Franka Welz.

Schlafplatz unter einer Brücke.

Zum Themenschwerpunkt "Obdachlos - Ein Leben ohne ein Zuhause" ...