Überall in Europa steigt die Zahl der Obdachlosen. Nur in Finnland leben immer weniger Menschen auf der Straße. Der Grund dafür ist das Housing-First-Prinzip. Die Menschen bekommen erst eine Wohnung, und dann kommt der Rest. In Deutschland läuft das noch anders.

Als die finnische Strategie gegen Obdachlosigkeit entwickelt wurde, kam das einem radikalen Kurswechsel gleich. Denn bis dahin mussten die Menschen von der Straße eine Art Treppenmodell mit vielen Stufen der sozusagen Resozialisation durchlaufen, um am Ende zu einer eigenen Wohnung zu kommen. "Housing First" funktioniert komplett anders herum:

  • Selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden
  • Eigener Wohnungsschlüssel
  • Privatsphäre
  • Unbefristeter Mietvertrag

Eigene Wohnung statt Obdachlosenheim

Das Prinzip funktioniert so gut, dass in Finnland die Zahl der Langzeitobdachlosen seit dem Start um mehr als ein Drittel gesunken ist. Denn die Heime waren für viele Menschen auf der Straße keine Alternative. Eine eigene Wohnung aber schon. Deshalb wurden viele dieser Heime umgebaut in Wohnungen. In großen Städten setzt man auf das Housing-First-Prinzip.

In Deutschland kaum Housing-First-Projekte

In Deutschland läuft das anders. Bevor Obdachlose über Hilfsprogramme eine Wohnung bekommen, müssen sie erst mal ihre Wohnfähigkeit beweisen: Sie schlafen in großen Unterkünften, müssen da Koch- oder Putzdienste übernehmen, Therapien mitmachen, ihre Drogen- oder Alkoholsucht besiegen. Doch das schaffen nicht alle.

Peter lebt auf der Straße und raucht eine Zigarette
© Deutschlandfunk Nova | Dominik Peters
Peter lebt lieber auf der Straße als in einem Obdachlosenheim.

Peter hat es auch nicht geschafft mit der Wohnung. Er war mal selbstständig im Baugewerbe. Als seine Frau gestorben ist, hat er angefangen zu trinken. Er lebt mittlerweile seit 15 Jahren auf der Straße.

Er hat auch mal in einer Einrichtung gelebt für vier oder fünf Monate. "Aber das hab ich alles durch. Da bleib ich lieber auf der Straße", sagt er. Er hat seine Ecke, mit seinem Kollegen zusammen. Der liegt links, er rechts.

Soziales Leben praktisch lernen

Der Sozialforscher Volker Busch-Geertsema vergleicht das deutsche System mit einer Leiter, wo man Stufe für Stufe erklimmen muss. Die Gefahr, abzurutschen und wieder ganz unten zu landen, sei sehr hoch, sagt er.

Auch Sylvia Rietenberg vom Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW hält Housing First für den besseren Ansatz. Hier könnten sie durch das Zusammenleben mit anderen Menschen soziales Leben ganz praktisch lernen.

Bisher ist das Prinzip in Deutschland noch nicht weit verbreitet: 15-20 Projekte gibt es in deutschen Städten. Die Menschen leben dann in ganz normalen Wohnhäusern und können gleichzeitig Hilfsangebote annehmen. In Nordrhein-Westfalen und Berlin zum Beispiel sind diese Angebote freiwillig. Die Teilnehmer sollten aber grundsätzlich zu Veränderungen bereit sein, sagt Sozialarbeiter Stefan Laurer von Housing First Berlin.

"Die Annahme von Hilfen bestimmt der oder die Projektteilnehmende selbst."
Stefan Laurer, Housing First Berlin

Housing-First-Projekte sind in der Regel erfolgreich, zeigen verschiedene Studien: Je nach Projekt leben 78 bis 90 Prozent der ehemals Obdachlosen auch nach zwei Jahren noch in den Wohnungen und werden auch psychisch stabiler.

Für Deutschland gibt es noch keine belastbaren Zahlen für den Erfolg. Aus anderen Ländern ist allerdings schon belegt, dass der Staat mit dem Housing-First-Ansatz günstiger weg kommt.

Die Politik in Deutschland hält noch an den alten Ansätzen fest, sagt Sylvia Rietenberg vom Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW. Sie glaubt, es fehle vielleicht gar nicht unbedingt der politische Wille. Es sei einfach ein ganz anderer Denkansatz. Und: Es fehlt an geeignetem Wohnraum, also kleinen, bezahlbaren Wohnungen.