Tabuthemen leben vom Schweigen. Um Ängste und Vorurteile abzubauen, hilft es, ins Gespräch zu kommen. Genau das macht die "Human Library": Betroffene erzählen Fremden ihre persönlichsten Geschichten und schaffen so Nähe, Miteinander und Verständnis.

In Bibliotheken gilt normalerweise ein klares Gebot: Bitte schweigen! An diesem Nachmittag ist in der Zentralbibliothek Hamburg aber genau das Gegenteil angesagt. Hier findet eine Veranstaltung der sogenannten "Human Library" statt, und Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Magdalena Neubig ist mit dabei.

Human Library, also menschliche Bibliothek sozusagen, bedeutet: Hier bekommen Bibliotheksbesucher*innen Informationen und Geschichten ausnahmsweise nicht aus Büchern, sondern direkt von Menschen. Welche "menschlichen Bücher" heute ausgeliehen werden können, steht auf einer Pinnwand – darunter Themen wie Adoption, häusliche Gewalt oder bipolare Störung.

Menschen und ihre Geschichten kennenlernen

Das Konzept der Human Library stammt aus Kopenhagen. Es wurde vor über zwanzig Jahren entwickelt und findet inzwischen in 85 Ländern weltweit statt. Ziel ist es, Einblicke in vorurteilbehaftete oder tabuisierte Lebensrealitäten zu ermöglichen – etwa in Leben mit Depression, Alkoholismus oder Armut. Erzählen sollen Menschen, die selbst betroffen sind.

In Hamburg stellt sich Adrian bereits zum dritten Mal als "menschliches Buch" zur Verfügung. Er berichtet davon, wie es ist, mit einer bipolaren Störung zu leben, und beantwortet Fragen von interessierten, aber fremden Menschen. Dabei hört Adrian auch Vorurteile, die er für sich selbst verarbeiten muss. Jedes Gespräch dauert dreißig Minuten. Den Austausch beschreibt er als zugleich anstrengend und bereichernd.

"Im Laufe des Gesprächs lassen viele ihre Vorurteile fallen und sehen den Menschen – und nicht mehr das Bild, das sie von dieser Krankheit haben."
Adrian, "menschliches Buch" in Hamburg

Ziel: Zwischenmenschlichkeit und Toleranz fördern

Organisiert wird die Human Library in Hamburg unter anderem von der Sozialarbeiterin und Therapeutin Shirley Hartlage. Sie bereitet die "menschlichen Bücher" im Vorfeld auf die intensiven Gespräche vor. Wer nach einem Austausch das Bedürfnis hat, sich zurückzuziehen, kann dafür einen Ruheraum nutzen.

"Wir schaffen einen sicheren Raum, in dem Menschen mit Vorurteilen mit Menschen ins Gespräch kommen können, die von diesen Vorurteilen betroffen sind."
Shirley Hartlage, Organisatorin der "Human Library" in Hamburg

Die Gespräche sind auf maximal 30 Minuten begrenzt. Die Lesenden sollen ihre Fragen ohne Scham stellen und auch eigene Vorurteile offen ansprechen können.

Für 2026 planen die Organisator*innen in Hamburg bis zu sechs weitere Veranstaltungen und wollen das Themenspektrum ausweiten – von Leben mit Behinderung bis zum Zwangsheirat. Außerdem überlegen sie, die Human Library künftig auch in weiteren Sprachen anzubieten.

Hinweis: Human-Library-Veranstaltungen gibt es derzeit außerdem in Münster und Berlin.

Shownotes
"Human Library"
Was passiert, wenn Fremde sich zuhören
vom 05. Januar 2026
Autorin: 
Magdalena Neubig, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin