Moderne Sklaverei gibt es praktisch in jedem Land, das machen die Vereinten Nationen in einem neuen Bericht deutlich. Durch die Folgen der Corona-Pandemie ist die moderne Sklaverei noch mal verstärkt worden. Besonders die Zwangsehen sind gestiegen.

Rund 50 Millionen Menschen weltweit leben in moderner Sklaverei. Das zeigt der neue Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO). Umgerechnet auf die Weltpopulation würde das bedeuten: Moderne Sklaverei gibt es praktisch in jedem Land.

Seit dem letzten ILO-Bericht vor fünf Jahren ist die Zahl der Menschen, die in moderner Sklaverei leben, um zehn Millionen gestiegen. Die Menschen sind entweder von einer Form der Zwangsarbeit betroffen oder leben in einer Zwangsehe.

Kurz gesagt: Sie werden zu einer Ware gemacht, von der eine andere Person profitiert, erklärt Menschenrechtsexperte Dietmar Roller von der NGO International Justice Mission (IJM) Deutschland. "Wenn sie nicht mehr funktionieren, werden sie weggeschmissen."

"Der Mensch wird zur Ware gemacht und ist ein Gewinngut für jemand anderen."
Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender International Justice Mission Deutschland

22 Millionen Menschen in Zwangsehen

Am stärksten hat die Zahl der Menschen zugenommen, die in einer Zwangsehe leben. Sie ist von 2016 bis 2021 um 6,6 Millionen Menschen gestiegen. Zwei Drittel der Zwangsverheirateten sind Frauen und Mädchen. Zum Großteil werden sie von ihren Eltern zur Ehe gezwungen.

Die meisten Zwangsheiraten gab es mit rund 14 Millionen Menschen in Asien und im Pazifikraum, darauf folgen Afrika mit über drei Millionen und zum Schluss Europa und Zentralasien mit mehr als zwei Millionen zwangsverheirateten Menschen.

"Die meisten Menschen in Zwangsheirat sind Minderjährige."
Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender International Justice Mission Deutschland

Pandemie hat moderne Sklaverei verschärft

Laut dem ILO-Bericht hat die Corona-Pandemie alle Formen moderner Sklaverei verschärft. Als Folge der Pandemie sind Menschen weltweit arbeitslos geworden, haben mehr Schulden aufnehmen müssen und allgemein habe Armut so stark zugenommen wie in den vergangenen zwanzig Jahren nicht mehr. "Je ärmer Menschen werden, desto verletzlicher werden sie – und das hat definitiv zu einem Anstieg geführt", so der Menschenrechtsexperte.

28 Millionen Menschen in Zwangsarbeit

Die Corona-Pandemie hatte besonders zu Beginn auch für einen Anstieg der Zwangsarbeit gesorgt, schreiben die Autor*innen des Berichts. In den vergangenen fünf Jahren sind insgesamt 2,7 Millionen mehr Menschen von Zwangsarbeit betroffen. Arbeitssklaverei ist laut Dietmar Rolle vor allem in Südasien ein Problem, aber auch in Deutschland zum Beisipiel in der Bauchbranche oder Zwangsprostitution. Letzteres macht weltweit mehr als 20 Prozent der Zwangsarbeit aus.

"Wenn arme Menschen keinen Zugang zum Rechtssystem haben, kann man sie komplett ausbeuten."
Dietmar Roller, Vorstandsvorsitzender International Justice Mission Deutschland

Es gibt aber auch viel Hoffnung, so Dietmar Roller. Die Herausforderung sei die Zusammenarbeit von Staaten, Unternehmen und den Gesellschaften. Denn: Der Großteil der Zwangsarbeit – fast 90 Prozent – kommt aus dem privatwirtschaftlichen Bereich.

Moderne Sklaverei sei in den Strukturen wie ein Chamäleon verdeckt, sagt der Menschenrechtsexperte. Mittlerweile gebe es aber weltweit keinen Staat mehr, der moderne Sklaverei gesetzlich legitimiere. Das bedeutet: Ausbeutung findet dort statt, wo ein Rechtssystem versagt oder Menschen keinen Zugang dazu haben.