Dutzende Benachrichtigungen auf unserem Handy können uns stressen. Dauerhafter Stress tut uns nicht gut. Neurowissenschaftlerin Maren Urner erklärt, warum wir uns von Pushnachrichten überhaupt ablenken und wie wir uns weniger stressen lassen.

Apps auf unseren Smartphones sind so konstruiert, dass sie immer wieder unsere Aufmerksamkeit gewinnen: Sie vibrieren, klingeln, leuchten auf oder zeigen uns schon die Vorschau einer neuen Nachricht an, während wir noch in einer anderen App unterwegs sind. Und unser Gehirn steigt auf diese Art der Ablenkung voll ein.

Evolutionsbiologisch macht dieser Mechanismus unseres Gehirns Sinn, weil er uns am Leben erhält, erklärt Maren Urner, Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie. Ein Auto, das uns näher kommt, ist zum Beispiel eine Ablenkung, die wir mitbekommen sollten.

Ablenkungen in Form von Pushnachrichten, Pop-ups oder der kleinen Anzeige an einer App, wie viele verpasste Mitteilungen dort auf uns warten, können uns allerdings stressen. Dann ist die Ablenkung weniger hilfreich für unser Überleben als für die Unternehmen, die ein Interesse daran haben, dass wir an unserem Handy bleiben, "um uns regelrecht zu einer Art Junkie werden zu lassen", so die Neurowissenschaftlerin.

"Das Gehirn ist erst mal dafür gemacht, sich ablenken zu lassen."
Maren Urner, Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie

Hält dieser Stress an, muss der Körper mehr leisten, als wir eigentlich Kapazitäten dafür haben – und das dauerhaft. Das Gleichgewicht stimmt nicht mehr, was auf lange Sicht ungesund für uns ist. "Wir wissen, dass Stress für viele Krankheiten ein Risikofaktor ist und teilweise nicht nur ein Risiko, sondern sie auch auslösen kann", sagt sie.

Neue Gewohnheiten für weniger Stress

Wir sollten uns fragen, ob wir diesen Stress – ausgelöst durch unser Handy – weiter in unserem Leben haben oder daran etwas verändern möchten. Entscheiden wir uns für die Veränderung, könnte ein erster Schritt sein, sich die Standardeinstellungen der Apps anzuschauen und die Mitteilungen einzuschränken oder auszuschalten. Maren Urner hat das zum Beispiel so gemacht und fühlt sich alleine durch diesen Schritt weniger gestresst und hat auch mehr Zeit.

"Am Ende des Tages hat es ganz viel mit Selbstbestimmung zu tun. Es geht häufig darum, einfach die Standardeinstellungen zu ändern, die es uns meistens nicht so leicht machen, uns nicht ablenken zu lassen."
Maren Urner, Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie

Ergebnis, Erkenntnis, Korrektur

Stichwort "ausprobieren": Jede und jeder Einzelne muss für sich testen, welche Maßnahme den Stress reduziert. Maren Urner nennt drei mögliche Schritte:

  1. Sich bewusst machen, wie wir unser Handy benutzen. Also eine Art Bestandsaufnahme machen. Wir können zum Beispiel ein Protokoll führen, manche Handys haben auch schon Apps für die Bildschirmnutzung vorinstalliert, die wir uns einmal genauer anschauen sollten. Hier stellt sich die Frage, wie es uns damit geht, was wir über unser Nutzungsverhalten erfahren.
  2. Herausfinden, was wir verändern möchten. Was tut uns gut, was nicht?
  3. Erkenntnisse umsetzen und neue Gewohnheiten schaffen.

Besonders der letzte Punkt ist manchmal leichter gesagt als getan. Das weiß auch die Neurowissenschaftlerin. Was helfen könne, sei weniger Strenge uns selbst gegenüber, die Unterstützung von anderen und das Einbauen von spielerischen Elementen.

"Sind das die Gewohnheiten, die ich pflegen möchte oder wäre es nicht für alle Beteiligten besser, andere Gewohnheiten zu etablieren?"
Maren Urner, Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie

Wie wir neue Gewohnheiten etablieren können

Maren Urner erzählt zum Beispiel von Restaurants, die ihre Gäste darum bitten, ihre Smartphones für die Zeit im Restaurant abzugeben, indem jeder Tisch seine Handys in einen Korb legt. Die Person, die als Erste wieder danach greift, muss im Gegenzug das Essen oder die Getränke ihrer Begleitung bezahlen.

Wir können unsere Handynutzung an einen Ort koppeln. Nach dem Motto: Wenn wir in einem Restaurant sind, im Kino sitzen oder Freund*innen besuchen, dann kümmern wir uns bewusst nicht um die Benachrichtigungen auf dem Smartphone.

Grenzen können wir uns auch mithilfe von Zeit setzen, indem wir beispielsweise feste Handy-Zeiten festlegen (wie das zum Beispiel Eltern für ihre Kinder machen). In diesem Zeitraum können wir dann auf Social Media scrollen und uns durch die Benachrichtigungen der Apps klicken. Indem wir die Grenzen setzen, machen wir uns unser Verhalten allerdings bewusst und es ist selbstbestimmt anstatt fremdgesteuert durch eine App.

Diese Grenzen können wir auch für andere Lebensbereiche setzen. Bekommen wir zum Beispiel berufliche Mails auf unser Handy weitergeleitet, können wir in einem ersten Schritt eine Zeitspanne vereinbaren, in der wir erreichbar sind. Diese "Büro-Zeiten" können wir zum Beispiel in der Signatur unserer E-Mails oder über eine tägliche Abwesenheitsnotiz kommunizieren.

"Wenn wir eine andere Gewohnheit etablieren wollen, zum Beispiel im Bereich von Sport, Bewegung, Ernährung, müssen wir auch ein bisschen herumprobieren. Genau das gleiche gilt für einen guten, gesunden Umgang mit technischen Geräten."
Maren Urner, Neurowissenschaftlerin und Professorin für Medienpsychologie

Ausprobieren und weiter hinterfragen

Die Neurowissenschaftlerin nimmt in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung in unserer Gesellschaft wahr. Wir würden uns mehr darüber austauschen, welcher Umgang uns mit unseren Handys, Tablets, Computern eigentlich guttut und hinterfragen, wem ständige Erreichbarkeit etwas bringt.

"Da müssen wir als Menschen, als Organisationen schauen, welche Strukturen uns dabei helfen und welche es eigentlich noch schlimmer machen, indem sie dafür sorgen, dass wir wie kleine Zombies durch die Welt laufen, die immer nur gestresst sind", erklärt sie.