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Ist es okay, wenn die Älteren zuerst geimpft werden und die Jüngeren, die sich so lange solidarisch verhalten haben, immer noch warten? Die Impfdebatte ist auch eine Suche nach Gerechtigkeit. Aber was ist das eigentlich: Gerechtigkeit? Und: Können wir sie überhaupt herstellen?

Oma ist durchgeimpft, macht jetzt Urlaub in der Sonne und sitzt da schön im Café. Wir Unter-60-Jährigen haben uns monatelang eingeschränkt, um Oma zu schützen – und haben jetzt eine Ausgangssperre in Deutschland. Und wann wir geimpft werden, wissen wir immer noch nicht so genau. Da kann schon mal Neid aufkommen. Aber: Können wir nicht vielleicht auch einfach akzeptieren, dass die Welt manchmal ungerecht ist?

"Die höchste Tugend sozialer Einrichtungen"

Wer die Frage, was Gerechtigkeit ist, in fünf Minuten klären könne, habe auf jeden Fall einen Preis verdient, sagt der Philosoph Martin Booms, Geschäftsführer der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur in Bonn. John Rawls hat sie als "die höchste Tugend sozialer Einrichtungen" beschrieben - seine "Theorie der Gerechtigkeit" gilt als eines der bedeutendsten moralphilosophischen Werke des 20. Jahrhunderts.

"Gerechtigkeit heißt, die Ansprüche aller in einer Gemeinschaft angemessen zu berücksichtigen. Die Frage ist: Was ist angemessen?"
Martin Booms, Philosoph

Gerechtigkeitsvorstellungen habe es zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft gegeben. Sie waren nur teilweise sehr unterschiedlich, so Martin Booms. Gerechtigkeit bedeute, die Ansprüche aller, die in einer Gemeinschaft oder Gesellschaft leben, angemessen zu berücksichtigen. Und genau das sei eben die Frage: Was ist angemessen?

Gemeinsames Grundverständnis von Gerechtigkeit

Es sei wichtig, dass sich eine Gesellschaft auf bestimmte Gerechtigkeitsprinzipien und ein gemeinsames Grundverständnis einigt. Beispiel: Bei Fällen von Rassismus oder Diskriminierung würde eine Mehrheit von uns von einer Ungerechtigkeit sprechen, weil gegen das Gleichheitsprinzip verstoßen werde, jeder Mensch ist per Gesetz gleich.

Schwierige Grauzonen-Fälle

Neben diesen fundamentalen Vorstellungen bleibe aber immer etwas übrig – Fälle in einer nicht eindeutig geklärten Grauzone, die ausdiskutiert werden müssten. Martin Booms ermutigt dazu, das als eine Stärke einer Gesellschaft zu sehen, wenn solche Themen diskutiert, ausgehandelt – und auch ausgehalten – werden, und das nicht als Schwäche oder Mangel zu betrachten.

"Es ist die Stärke einer Gesellschaft, Dinge aushandeln und aushalten zu können."
Martin Booms, Philosoph

Das Gerechtigkeitsempfinden ist tief in uns verankert – das geht im Kindergarten schon los. Auf Gerechtigkeit können wir also sozusagen gar nicht verzichten, sagt Martin Booms. Und: Wir könnten sie auch nicht überdosieren.

Über eine gerechte Impfstrategie zu diskutieren, sei deshalb absolut wichtig, weil dieses Gerechtigkeitsempfinden individuell verschieden ist. Unterschiedliche Gruppen bringen – jeweils verständlich – unterschiedliche Argumente vor. Diese auszuhandeln, funktioniere aber nur in einem Diskurs.

Streit gehört zur Demokratie

"Wenn es ein konstruktiver Streit bleibt", so der Philosoph, dann sei die aktuelle Debatte um Impfstrategie und Aufhebung von Grundrechtseinschränkungen bei Geimpften und Genesenen kein Mangel oder Fehler. Auch politisch nicht.

In der Coronakrise sei Uneinigkeit immer eher als Fehler definiert worden. Das Gegenteil sei aber der Fall: Streit sei die DNA einer offenen Gesellschaft und das konstruktive Element einer Demokratie.

"Wir haben es uns in der Pandemie so ein bisschen angewöhnt, Streit als Fehler anzusehen. Er ist aber die DNA einer offenen Gesellschaft!"
Martin Booms, Philosoph

In der aktuellen Impfdebatte gehe es darum, ob es uns als Gesellschaft gelingt, eine Form der Solidarität zu finden, die das Element "gönnen können" beinhaltet. Nur weil jüngere Menschen noch auf die Impfung warten müssen, sei die Tatsache, dass eine Oma jetzt schon Urlaub machen darf, nicht per se schon automatisch ungerecht.

Solidarität und Toleranz

Schließlich gibt es einen sachlichen Grund dafür, dass Ältere zuerst geimpft wurden: Sie waren anfangs höheren Risiken ausgesetzt als Jüngere. Demnach wäre es doch gerecht zu sagen, dass sie jetzt auch früher ihre Freiheitsrechte wieder genießen können als andere.

Das Gegenargument - "Junge haben durch ihren Verzicht auch gelitten" - findet Martin Booms schwächer. Eine Gesellschaft müsse immer schauen, welches Gut priorisiert wird: Leib und Leben oder Lebensfreude? In diesem Fall der Coronavirus-Pandemie findet er: Das Leben wiegt stärker.