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Erst werden Lieferungen gekürzt, dann wird doch wieder mehr Impfstoff versprochen. Das bringt vor allem die Impfpläne durcheinander und sorgt für ordentlich Kritik. Aber: Impfstoff-Herstellung ist komplex - viele Faktoren lassen sich nicht exakt planen. Die Herstellungsweisen werden von den Unternehmen normalerweise oft noch jahrelang verfeinert. Einige Parteien fordern aber jetzt: Der Staat soll eingreifen.

Alle wollen mehr Impfstoff, doch die Produktion kommt nicht hinterher. Hinzu kommt, dass sich die Ankündigungen der Unternehmen tagtäglich ändern und die Versprechen der Politik so nicht erfüllt werden können. Für alle ein Dilemma, doch Experte Volkart Wildermuth meint: Impfstoff herstellen ist komplex - und wir sollten geduldiger sein.

"Bis vor einem halben Jahr war gar nicht sicher, ob wir bis Mitte 2021 überhaupt einen Impfstoff haben - von daher ist im Grunde jede Impfdosis ein Gewinn."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Der Lieferrückgang bei Pfizer beispielsweise sei vor allem auf die Modernisierung eines Herstellungswerks zurückzuführen - ein Engpass, der allerdings dafür sorgt, dass später mehr Impfdosen produziert werden können.

Produktionsprobleme waren zu erwarten

Bei Biontech sieht es ähnlich aus: Das Unternehmen hat zwar schon im September die Behringwerke in Marburg übernommen - die Genehmigung für den Produktionsstart gab es aber erst jetzt. Schließlich hat die Umstellung auf den neuen Impfstoff Monate gedauert, denn das neuartige Konzept mit mRNA erfordert ganz andere Bedingungen, erklärt der Wissenschaftsjournalist.

Der Impfstoff von AstraZeneca ist sehr empfindlich, da er mit Zellkulturen produziert wird. Das bedeutet auch, dass er sich nicht einfach hochskalieren lässt, so Volkart Wildermuth. Bedeutet: Die Rezeptur lässt sich nicht einfach von hundert Litern auf tausend Liter übertragen, denn es kommt auf viele feine Abstimmungen an.

"Es ist unglücklich, dass von den Firmen und der Politik Erwartungen geweckt wurden, die sich jetzt nicht so einfach erfüllen lassen."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Um die Produktionsdefizite trotzdem aufzufangen, fordern einige Parteien, dass der Staat eingreifen soll - indem er Zwangslizenzen für die Produktion an andere Hersteller vergibt. Doch das würde das Problem nicht unbedingt schneller lösen, sagt der Wissenschaftsjournalist.

Know-How muss erst erarbeitet werden

Die Behringwerke in Marburg haben deutlich gemacht: Ein Werk braucht mehrere Monate, um sich auf die Produktion vorzubereiten. Und das, obwohl in diesem Fall die Informationen aus den Patentschriften und das Know-How zur Herstellung bereits vorhanden war.

Das ist bei Fremdfirmen nicht der Fall, betont Volkart Wildermuth. Die Herstellung dort würde nur dann funktionieren, wenn ein Unternehmen schon Erfahrung in der Impfstoff-Herstellung hat - und darüber hinaus auch genug Kapazitäten. Die müssen zum Teil erst ausgebaut werden. und auch das dauert.

"Impfstoffe sind die am strengsten regulierten Arzneimittel, einfach weil sie ja vielen völlig gesunden Menschen gegeben werden. Deswegen sind die Anforderungen an die Sicherheit sehr hoch."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Volkart Wildermuth hält deswegen den Weg über normale Lizenzen für weitaus sinnvoller. Dann können sich die Unternehmen untereinander besser einigen. Das passiert auch schon: der Impfstoff von AstraZeneca beispielsweise wird auch beim weltweit größten Impfstoffhersteller Serum Institute of India produziert.

Anforderungen an Sicherheit sehr hoch

In Deutschland muss jedes Werk und jede Charge des Impfstoffs durch das Paul-Ehrlich-Institut genehmigt werden. Ein einziges Werk schafft den korrekten Prozess der Herstellung gar nicht so ohne Weiteres, erklärt der Wissenschaftsjournalist. Deswegen sind Kooperationen so wichtig.

Biontech arbeitet zum Beispiel nicht nur mit Pfizer, sondern mit vielen weiteren Unternehmen zusammen. So können sie Hilfsschritte rund um die mRNA-Produktion und die Abfüllung auslagern.

"Schon als das Rennen um den Impfstoff vergangenes Jahr losging, haben viele große Mitbewerber gesagt: Wenn das mit unserem Produkt nicht funktioniert, stellen wir Kapazitäten für die anderen zur Verfügung. Und genau das geschieht jetzt."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Aber nicht nur Biontech arbeitet mit anderen zusammen. Der Hersteller CureVac arbeitet beispielsweise mit Bayer zusammen. "Denn die haben bereits viel Erfahrung mit der Zulassung und auch ganz andere Produktionskapazitäten", sagt Volkart Wildermuth. Außerdem werden sie dann auch selbst CuraVac-Impfstoff herstellen können. Der Experte meint: Der Staat kann da nur bedingt helfen.

Produktion lässt sich nicht einfach so ankurbeln

Seiner Meinung nach sollte die Politik vor allem eines tun: Nicht immer wieder neue Erwartungen wecken. Die Produktion lasse sich nicht ohne Weiteres ankurbeln. Geduld und Verständnis seien eher gefragt.