Die Ampel-Regierung hat schon viel überlegt und darüber diskutiert, was man gegen die Inflation unternehmen könnte. Eine Maßnahme ist das Entlastungspaket. Ab Juni können wir deshalb zum Beispiel für neun Euro in ganz Deutschland mit dem Regionalverkehr fahren. Allerdings werden Lebensmittelpreise und Mieten dadurch auch nicht günstiger. Wären Lohnerhöhungen da ein geeignetes Mittel? "Nein, so einfach ist es nicht", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die höhere Inflation belastet vor allem Bürgerinnen und Bürger, die weniger Geld in der Tasche haben. Durch die gestiegenen Preise, können sie sich weniger leisten. Gleichzeitig seien aber auch die Unternehmen belastet, wenn sie mehr für ihre Vorleistung zahlen müssen, für Rohstoffe und Energie zum Beispiel. Eine große Lohnerhöhung – etwa um 10 Prozent – könnten diese Unternehmen derzeit nicht stemmen, erklärt Marcel Fratzscher.

Gleichzeitig sei es aber klar, dass die Löhne steigen müssten. "Es kann nicht sein, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hier die Hauptlast der höheren Inflation tragen, sondern man muss sich eben auf eine ordentliche Lohnerhöhung einigen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern", sagt der Ökonom.

Das gefürchtete Szenario der Lohn-Preis-Spirale

In Bezug auf die Inflation fällt oft das Stichwort: Lohn-Preis-Spirale. Marcel Fratzscher erklärt den Zusammenhang: "Die Sorge bei der Lohn-Preis-Spirale ist, dass die Gewerkschaften und Beschäftigten jetzt sagen: 'Ah, guck mal an, 7 Prozent Inflation. Jetzt will ich aber jedes Jahr 8 bis 10 Prozent nominale Lohnsteigerung haben, so dass ich jedes Jahr für diese 7 Prozent Inflation kompensiert werde.'" Die Unternehmer hingegen würden sagen: 'Wenn jetzt die Löhne um 10 Prozent steigen, und wir 10 Prozent mehr für Gehälter zahlen müssen, dann müssen wir eben auch die Preise erhöhen.' – Dadurch würden sich Löhne und Preise immer weiter hochschaukeln.

"Somit schaukeln sich die Preissteigerungen der Unternehmen und die Lohnsteigerungen durch die Gewerkschaft eben gegenseitig hoch. Und das will man verhindern."
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Im Moment sehe es noch nicht danach aus, dass es in Deutschland zu dieser befürchteten Lohn-Preis-Spirale kommen könnte. "Denn wir sehen in unseren Umfragen, dass die Löhne in Deutschland dieses Jahr im Durchschnitt um die 4 bis, 4,5 Prozent steigen, aber die Inflation um 6,5 bis 7 Prozent steigt", erklärt der Ökonom. Das heißt im Durchschnitt haben Beschäftigte in Deutschland in diesem Jahr 2,5 bis 3 Prozent weniger Kaufkraft mit ihrem Einkommen.

Marcel Fratzscher sagt, am Ende müsse man die einzelnen Unternehmen etwas genauer anschauen. Denn natürlich gebe es im Moment auch Firmen und Bereiche, in denen es gerade sehr gut laufe. "Es ist ja jetzt nicht so, dass es nur Verlierer in dieser Inflation gibt. Es gibt ja auch einige, die davon ordentlich profitieren bei den Unternehmen. Die können deutlich höhere Löhne zahlen", so Fratzscher.

"Die Sorge um eine Lohn-Preis-Spirale halte ich für übertrieben"
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Der Präsident des DIW geht davon aus, dass der Mindestlohn eine wichtige Stellschraube sein könnte. "Der sollte ja schon vor dem Krieg, vor der hohen Inflation um 2 Euro von 9,60 Euro auf 12 Euro steigen", sagt Marcel Fratzscher. In Deutschland gebe es rund 10 Millionen Beschäftigte mit sehr geringem Einkommen, die wirklich jeden Euro brauchen. Und die könnten davon profitieren.

"Und diese Erhöhung halte ich für sehr sinnvoll, weil es schon geplant war, weil hier ein Nachholbedarf besteht. Und das sind 10 Millionen Menschen mit wenig Einkommen – das ist was diesen Menschen am meisten hilft."
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung

Von einer Energie-Pauschale hält Marcel Fratzscher eher wenig, weil auch Menschen davon profitieren, die es nicht unbedingt nötig haben. Die Erhöhung des Mindestlohns könnte hingegen sehr schnell, unmittelbar, vielen Menschen mit wenig Einkommen helfen.

Global gesehen geht es uns noch sehr gut

Wenn man die derzeitige Krise global betrachte – gehe es den Deutschen im Vergleich immer noch sehr gut, erklärt der Ökonom. Arme Menschen in ärmeren Staaten, die vielleicht obendrein von Getreiden-Importen aus der Ukraine oder aus Russland abhängen, seien viel härter betroffen, so Fratzscher: "Wir haben also weltweit wahrscheinlich über hundert Millionen Menschen, die jetzt in diesem Jahr durch die hohe Inflation in absolute Armut zurückfallen, also nicht genug Essen nicht genug an Grundversorgung haben. – Ja. Wir haben in Deutschland eine Menge Menschen mit wenig Einkommen, die hart getroffen sind. Aber wir dürfen auch diese globale Verantwortung nicht vergessen."