An der Universität von Colorado in den USA hat ein Professor Fotos von 1700 Studierenden gemacht, die zuvor nicht darüber informiert wurden, dass sie Teil einer Studie sind. Ob uns so etwas auch hier in Deutschland passieren kann, hat unsere Reporterin Sophie Stigler recherchiert.

Ein Professor der University of Colorado in Colorado Springs hat für eine Studie Fotos von 1700 Menschen gemacht, die sich auf dem Unicampus befunden haben. Diese Fotos wurden zur Verbesserung einer Software für Gesichtserkennung genutzt. Dafür sind sie auch an andere Forschungsteams weitergegeben worden - auch an welche, die fürs chinesische Militär arbeiten.

Die Universität hat die Studie genehmigt. Finanziert wurde sie mit Geldern des US-Geheimdienstes und des US-Verteidigungsministeriums. Der Fall ist kontrovers diskutiert worden, nachdem er öffentlich bekannt wurde.

"Es ist ein ziemlich problematischer Datensatz. Trotzdem wurde er vom Ethik-Komitee der Uni genehmigt. Hier gibt es einen Graubereich. Der Forscher sammelt keine Namen, die Gesichter werden von den Namen getrennt."
Adam Harvey, Wissenschaftler und Künstler

In anderen Fällen sind Schilder aufgestellt worden, die zum Beispiel Fußgänger darüber informieren sollten, dass sie möglicherweise gefilmt oder fotografiert werden. Auch diesen Ansatz findet der US-Wissenschaftler und Künstler Adam Harvey schwierig. Er hat den Datensatz aus Colorado und andere für sein Projekt MegaPixels ausgewertet und sagt, er könne auf den zugehörigen Videos erkennen, dass die Passanten die Schilder zumeist nicht wahrnehmen oder daran vorbeiblicken und dadurch weiterhin nicht darüber informiert sind, dass sie möglicherweise unwissentlich an einer Studie beteiligt sind.

Informationspflicht in Deutschland

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sophie Stigler sagt, dass die Informationspflicht bei Studien in Deutschland relativ streng geregelt ist. Hier benötigen Leiter von Studien mit öffentlicher Förderung eine Einwilligungserklärung der Studienteilnehmer – und zwar bevor sie mit der Erhebung beginnen.

Gewisse Ausnahmen gibt es zwar auch in Deutschland, die müssten aber sehr gut begründet sein. In der Regel prüft ein Ethik-Komitee, ob sie die Bedingungen der Studie genehmigen.

"Die an der Untersuchung Beteiligten wissen von der Untersuchung, von den Zielen und von den eingesetzten Methoden. Und werden auch aufgeklärt über Risiken, was mit den Daten passiert."
Anne Brüggemann leitet Gruppe für Verhaltens- und Sozialwissenschaften bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Ausnahmen bei Studien, die unsere Daten sammeln und auswerten

  • wenn Daten sowieso öffentlich einsehbar sind, zum Beispiel die Tweets auf Twitteraccounts oder öffentliche Bilder auf Instagram
  • wenn es unmöglich ist, eine Einwilligung einzuholen, zum Beispiel bei einer großen Menschenmenge
  • wenn das Einholen der Genehmigung das Forschungsziel verfälschen würde (in solchen Fällen werden Studienteilnehmer meist hinterher über ihre Studienteilnahme informiert und haben die Möglichkeit ihre Daten zu schützen, indem sie sie wieder löschen lassen)
"In solchen Fällen ist es üblich, dass die Wissenschaftlerin oder der Wissenschaftler im Nachgang die Beteiligten informiert, dass sie aufgenommen wurden, und sie gefragt werden, was mit ihren Daten geschehen soll und ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Daten löschen zu lassen."
Anne Brüggemann leitet Gruppe für Verhaltens- und Sozialwissenschaften bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Der Professor von der Universität Colorado hat bisher wohl nicht eingesehen, dass er sich falsch verhalten hat. Die Fotos, die er während der Studie gemacht hat, darf er vorerst nicht mehr weitergeben. Die Spanne bei ethischen Standards ist groß und reicht von wissenschaftlichem Fehlverhalten bis hin zu absichtlich verschleierten Tatsachen.

Unternehmen als Datensammler

Unsere Daten werden vermehrt auch von privaten Unternehmen gesammelt, die sie für ihre Forschung nutzen, ohne dass sie bei Geldgebern oder Behörden Rechenschaft ablegen müssen. Sie sind nicht auf öffentliche Fördergelder oder Publikationen angewiesen. Facebook sammelt und analysiert viele unserer privaten Daten und auch das Datingportal OK Cupid hat vor einigen Jahren Mitgliederprofile zu Testzwecken verändert und ausgewertet, ohne die Betroffenen darüber zu informieren.