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Kommentare, Videos, Meinungen und vermeintliche Informationen – auf Sozialen Netzwerken wie Twitter äußern sich tausende Userinnen und User zur aktuellen Lage im Israel-Palästina-Konflikt. Die Meinungen sind aber oft sehr verkürzt und wenig neutral.

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist erneut eskaliert. Seit Wochen hat sich eine Verschärfung angebahnt, jetzt kam es zu Ausschreitungen und Beschüssen durch hunderte Raketen. In Sozialen Netzwerken wie Twitter kommentieren tausende User die Lage – und heizen die Stimmung auf.

Tim Aßmann, Deutschlandfunk-Korrespondent in Tel-Aviv
"Wir befinden uns in einer Situation, in der wir uns im Nahost-Konflikt leider immer wieder befinden: in einer Spirale aus Aktion und Reaktion. Und noch will keine Seite damit aufhören."

Tim Aßmann ist Deutschlandfunk-Korrespondent in Tel-Aviv. Er gibt einen Überblick zur aktuellen Lage im Gazastreifen und Jerusalem. Er macht deutlich: Ob die Hamas aus dem Gazastreifen Israel beschießt oder andersherum – Zivilisten sind auf beiden Seiten in Gefahr.

User wollen durch Tweets mobilisieren

Der Konflikt bleibt undurchsichtig und komplex – und gerade in Sozialen Netzwerken versuchen Userinnen und User für die eine oder andere Seite zu mobilisieren, findet Ruben Gerczikow. Er ist Vize-Präsident der European Union of Jewish Students und beobachtet die Diskussion rund um den arabisch-israelischen Konflikt auf Twitter mit Sorge.

"Ich halte es für problematisch sich nur über Soziale Medien ein Bild von diesem Konflikt zu machen, weil die Informationen dort so verkürzt sind."
Ruben Gerczikow, Vize-Präsident der European Union of Jewish Students

Oft sollen die Tweets gezielt Stimmung machen – und kommen dabei oft ohne Fakten oder Kontexte aus. Ruben Gerczikow kritisiert dabei vor allem, dass bei einigen Postings Informationen aus Zusammenhängen gerissen werden.

Starke Emotionalisierung

Neben vielen Postings, die die Stimmung aufheizen und wenig recherchiert sind, gibt es aber auch differenzierte Beiträge und Wortmeldungen. Trotzdem rät Ruben Gerczikow zur Vorsicht: Dadurch, dass der Konflikt seit Jahrzehnten besteht, ist er mit starken Emotionen verbunden, die sich auch innerhalb der Postings widerspiegeln.

"Es gibt Hashtags, die immer wieder auftauchen, etwa #Gazaunderattack, wenn es Luftschläge seitens der israelischen Armee gibt. Oder eben #Israelunderattack, wenn es Raketenanschläge auf Israel gab."
Ruben Gerczikow, Vize-Präsident der European Union of Jewish Students

Dabei gibt es Hashtags, die auf Twitter immer wieder auftauchen und trenden. Beispielsweise #Gazaunderattack oder #Israelunderattack. Je nachdem welcher der Hashtags verwendet wird, bekennt man sich zu der jeweiligen Seite – oft ergänzt mit Hashtags wie #standwithus, #savegaza oder #saveScheichDscharrah.

Wer hinter den Tweets steckt, ist ganz unterschiedlich: Israelische und palästinensische Menschen weltweit, aber auch Personen mit politischem Interesse und solche, die sich aus Gründen der Religion, Familie, Kultur oder sozialem Hintergrund mit einer Seite solidarisieren.

Auch islamistische Organisationen nutzen Hashtags

Allerdings bedienen sich auch islamistische Organisationen gezielt dieser Hashtags - um darunter Falschinformationen zu verbreiten und antisemitische Ressentiments zu schüren. So könnten sie für Jüdinnen und Juden, die in Deutschland leben, zur Gefahr werden, meint Ruben Gerczikow.

"Die Möglichkeiten der Sozialen Medien sind in den letzten Jahren stetig gewachsen. Gerade die Bildsprache ist es, die einen Konflikt so emotionalisiert."
Ruben Gerczikow, Vize-Präsident der European Union of Jewish Students

Neben Kommentaren und Informationen sind es immer mehr Bilder, die geteilt werden. Von der Situation vor Ort, der Verzweiflung der Menschen. Das wecke in den Userinnen und Usern Emotionen und nehme sie mit, so Ruben Gerczikow.

Doch sie bergen auch eine Gefahr: Einige Bilder werden gezielt aus Kontexten gerissen und neu verwendet, um eine bestimmte Emotion hervorzurufen. Dabei kann es auch vorkommen, dass Bilder aus einer anderen Region oder von einem anderen Tag instrumentalisiert werden um die aktuelle Lage zu untermalen.

Gefahr vor Pauschalverurteilungen

Wer sich einzig über Twitter oder ähnliche Netzwerke ein Bild über den Nahost-Konflikt mache, bekommt die Situation nur sehr verkürzt präsentiert. Dabei lässt sich auch schnell in eine Falle tappen und vorschnell Schlüsse ziehen, meint Ruben Gerczikow. Denn auch wenn viele den Wunsch haben: Der Nahost-Konflikt lasse sich nicht so einfach auf kurze Statements herunterbrechen - er bleibt in vielerlei Hinsicht kompliziert und undurchsichtig.