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Familien, die auf ihre Vergangenheit und Traditionen pochen, können viel Halt geben. Sie können aber auch einengen und bevormunden. Dieses Dilemma beschreibt der neue Roman von Jacqueline Woodson "Alles glänzt".

Das Haus ist voller Menschen, im Hintergrund spielt ein Orchester Armstrong – es ist Melodys Fest zum Erwachsenwerden und es ist genauso, wie es sich ihre Großeltern vorgestellt hatten. Melody trägt das Kleid, das ihre Großmutter vor sechzehn Jahren extra hat schneidern lassen – damals für Melodys Mutter Iris. Doch die wurde mit 15 Jahren schwanger und passte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in ein Kleid mit Korsett und Strumpfhalter.

Heute, an einem Nachmittag im Mai, muss also Melody es tragen, denn ihre Großmutter Sabe hat darauf bestanden. So ist es seit langem Tradition in ihrer Familie. Um sich durchzusetzen, musste Sabe nur ein einziges Wort sagen, das sie oft benutzt – als Erklärung, als Verheißung oder als Gebet: Familienerbe. Nichts macht Sabe glücklicher, als ihre Enkelin in diesem Kleid zu sehen.

Zerrüttete Mutter-Tochter-Beziehungen

Als Melodys Mutter Iris von ihrem kaum älteren Freund Aubrey schwanger wurde, war Sabe außer sich. Sie war gegen das Kind, aber Iris wollte es unbedingt behalten. Doch nach der Geburt verließ Iris ihre Tochter und ihre Familie und ging weg, denn sie wollte nicht nur Mutter sein, sondern erstmal selbst erwachsen werden. Wie kann Iris ihrer Tochter klarmachen, dass sie sie trotz alledem liebt?

"Wie sagt man seinem Kind, dass sich ein Wollen verändern kann und dass es sich auch bei Iris verändert hat?"
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Viele Perspektiven auf eine Familie

In ihrem neuen Roman "Alles glänzt" erzählt Jacqueline Woodson die Geschichte einer Familie aus mehreren und sehr unterschiedlichen Perspektiven. Erst in der Fülle der kleinen Geschichten wird deutlich, was Familie alles bedeuten kann, findet Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Lydia Herms.

"Jacqueline Woodsons neuer Roman 'Alles glänzt' erzählt die Geschichte einer Familie aus mehreren Perspektiven."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Da gibt es die Großmutter Sabe, die auf das Familienerbe pocht wie auf nichts anderes und deshalb ihre Geschichte und die Geschichten ihrer Vorfahren immer wieder erzählt, um sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Da ist Melodys Vater Aubrey, der sich nach einer heilen Welt sehnt und dem die Aussicht auf das Vaterwerden keine Angst macht – ganz im Gegenteil. Nachdem er in das Haus von Iris' Eltern einzieht, ist er glücklich.

Doch Iris selbst braucht mehr, um glücklich zu sein. Und sie und Audrey vereint zwar ein gemeinsames Kind, aber keine Liebe. Was es heißt, geliebt zu werden, erfährt Iris weit weg von ihrer Familie. Dort verliebt sie sich in eine Frau – eine berauschende, aber kurze Beziehung, die dennoch im Leben von Iris Tochter Melody früher oder später eine Rolle spielen wird.

Die Autorin
Jacqueline Woodson, geboren 1963, zählt zu den bedeutendsten Jugendbuchautorinnen der USA. Sie hat mehr als zwanzig Jugendbücher geschrieben. Für "Brown Girl Dreaming" erhielt sie 2014 den National Book Award, 2018 wurde sie mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis ausgezeichnet. Ihr Schreiben kreist thematisch um die afroamerikanische Geschichte, Klassenverhältnisse und Geschlechterhierarchien. "Ein anderes Brooklyn" ist seit über zwanzig Jahren ihr erster Roman für Erwachsene. Jacqueline Woodson lebt mit ihrer Familie in Brooklyn, New York.

Das Buch
"Alles glänzt" (OT: "Red at the Bone") von Jacqueline Woodson, aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übersetzt von Yvonne Eglinger, Piper Verlag, 203 Seiten, gebundene Ausgabe (Hardcover): 22 Euro, E-Book: 18,99 Euro; Erschienen: 06.04.2021.