Konstruktiver Journalismus

Wie Nachrichten sich auf unser Gehirn auswirken

Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner hat das Online-Magazin Perspective Daily gegründet. Sie will mit dem täglichen "Weltuntergang" Schluss machen. Stattdessen will sie mit Konstruktivem Journalismus die Welt positiv verändern – in unseren Köpfen.

Auslöser für Maren Urner, das Online-Magazin Perspective Daily zu gründen, war eine Studie über die psychischen Auswirkungen des Anschlags auf den Boston Marathon 2013 auf Menschen die ihn direkt erlebt haben im Vergleich zu denjenigen, die ihn über die Medien vermittelt wahrgenommen haben. Denn das Ergebnis hat die Neurowissenschaftlerin überrascht: Die Menschen, die den Anschlag nur über die Medien vermittelt erlebt haben, waren gestresster und negativer beeinflusst als diejenigen, die ihn direkt erlebt haben.

Nachrichten beeinflussen uns negativ

Diese Studie ist für Maren Urner der Beleg dafür, dass wir Ereignisse aus den Medien viel dramatischer und heftiger wahrnehmen, als wenn wir es selbst direkt erlebt hätten.

"Das zeigt, wie extrem die Medien uns beeinflussen können, dass es tatsächlich heftiger sein kann, als wenn wir selber - teilweise traumatische - Erlebnisse live beiwohnen."
Maren Urner hat Perspective Daily gegründet

Dabei geht es Maren Urner nicht darum, negative Nachrichten auszublenden, sondern darum, wie Ereignisse präsentiert werden. Hinzu komme, dass unser Weltbild verzerrt werde, weil nur über bestimmte Ereignisse berichtet werde.

Die Berichterstattung habe sich dramatisiert und der Fokus auf dem Negativen sei so stark ausgeprägt, dass diese Form der Berichterstattung uns nicht nur traumatisieren könne, sondern auch insgesamt unser Weltbild verzerre, das so nicht mehr der Realität entspreche.

"Es geht darum, wie sich das Ganze dramatisiert hat, dass wir nicht nur traumatisiert werden von dieser Berichterstattung, sondern auch insgesamt ein verzogenes Weltbild haben."
Maren Urner über die Auswirkungen von rein negativer Berichterstattung

Klar sei eine Aufgabe des Journalismus auf negative Entwicklungen hinzuweisen, wenn aber dieser negative Fokus in den Medien überhandnehme, dann führe das zu einer Verzerrung unseres Weltbilds.

Folge: Hilflosigkeit, Resignation und Passivität

Dramatisch würde dieser negative Fokus im Zusammenspiel mit dem psychologischen Effekt der erlernten Hilflosigkeit werden. Wenn die Menschen immer wieder nur negative Berichte lesen, in denen keine Handlungsalternativen aufgezeigt werden, führe das zum Gefühl der Hilflosigkeit, Resignation und Passivität.

"Dieses Gefühl der Hilflosigkeit, das ist ein Massenphänomen und stark in unserer Gesellschaft ausgeprägt."
Maren Urner über die Wirkung rein negativer Berichterstattung

Statt zum Beispiel aktiv gegen einen Missstand vorzugehen, würden sich die Menschen ins Private zurückziehen.

Konstruktiver Journalismus

Maren Urner will mit ihrem Online-Magazin die Berichterstattung durch Konstruktiven Journalismus verändern. Zu den fünf W-Fragen: Wo, was, wer, wann, warum komme eine zusätzliche W-Frage für die Journalisten hinzu: "Was jetzt oder wie kann es weiter gehen?"

"Wenn ich mir die "Was-jetzt-Brille" aufsetze, gehe ich ganz anders an die Recherche und meine Berichterstattung heran. Das führt dazu, dass wir so ein realistischeres und vollständigeres Weltbild kreieren."
Maren Urner über Konstruktiven Journalismus

Journalisten, die bereits bei der Recherche und der Berichterstattung einen Ausblick mitdenken, würden schon von vorneherein anders arbeiten. Somit würden die Berichte nicht einfach mit der Problembeschreibung enden. Durch die veränderte Berichterstattung könnte ein realistischeres und vollständigeres Weltbild erzeugt werden, sagt Maren Urner.

"Wir ignorieren nicht schlechte Nachrichten, sondern wir gehen einen Schritt weiter: Welche Gruppen, Initiativen, Menschen, denken darüber nach? Und die gibt es immer."
Maren Urner über Konstruktiven Journalismus

Der Konstruktive Journalismus sucht nach Menschen, die sich mit den Problemen beschäftigen und an Lösungsansätzen arbeiten. Die Journalisten können in ihren Berichten diese Lösungsansätze miteinander vergleichen und gehen so einen Schritt weiter als die reine Problembeschreibung.

"Immer mehr Medienschaffende merken, dass sich etwas ändern muss."
Maren Urner über Konstruktiven Journalismus

Ziel des Konstruktiven Journalismus sollte sein, den Rahmen für eine informierte demokratische Gesellschaft zu schaffen, indem er den Menschen Hoffnung und Mut gebe.

Für die eigene Medienhygiene sorgen

Für jeden von uns hat Maren Urner den Tipp der Medienhygiene. Jeder sollte sich fragen: Welche Informationen möchte ich an mein Hirn heranlassen? In Bezug auf Essen oder Kleidung würde es uns leicht fallen, zu entscheiden, was für unseren Körper gut ist. Genauso sollten wir aus den Informationen, Portalen und Medien auswählen, was wir für unser Gehirn für gut befinden.

"Welche Informationen, Portale, Medien und Formate helfen mir eine informierte Bürgerin oder ein informierter Bürger zu sein, und was tut mir gut?"
Maren Urner über Medienhygiene

Diese Auswahl an Informationen und der reflektierte Umgang mit dem Informationskonsum machen mit die Fähigkeit des kritischen Denkens aus.

Am 3. Juni 2019 erscheint Maren Urners Buch "Schluss mit dem täglichen Weltuntergang - Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren".