Die Jahre des Kalten Krieges waren eine Zeit der Gegensätze. Der sogenannte Westen befand sich zwischen den Fronten von Kapitalismus und Kommunismus. Historiker Dan Diner sieht die Zeit des Kalten Krieges daher als gesonderte Epoche an, die sich auf Staatswesen und Volksparteien auswirkte.

Für den Historiker Dan Diner ist der Kalte Krieg eine Sonderzeit, eine eigenständige, klar abgegrenzte Epoche, die sich von der vorausgegangenen aber auch der nachfolgenden scharf unterscheidet.

Geprägt ist diese Zeitspanne von Gegensätzen: Nato und Warschauer Pakt, BRD und DDR, Kapitalismus und Kommunismus.

Deutschland inmitten der Großmächte

Dan Diner zeichnet nach, welche Auswirkungen der Kalte Krieg hatte, einsetzend mit der Formulierung der Truman-Doktrin. US-Präsident Harry S. Truman erklärte darin den Willen der USA, "freien Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen". Die Koalition mit der Sowjetunion ist damit offiziell aufgekündigt. Deutschland wird zunehmend zum Schauplatz der Systemkonfrontation.

"Die Epoche des Kalten Krieges ist binär formatiert. Scharfe ideologische Abgrenzungen. Ein Antagonismus, der diese Zeit durchdringt."
Dan Diner, Historiker

Die Bundesrepublik, die durch diesen Widerstreit definiert wird, begreift der Historiker als Gesellschaft, nicht als Nation. Greifbar wird das für ihn am Aufstieg der Soziologie in den 1970er und 80er Jahren. Aber auch ganz schlicht an den Begrifflichkeiten.

Gesprochen wird im Westen von der "Bundesrepublik", nicht von Deutschland. Ähnlich in der DDR. Die eigentliche Zuschreibung des deutschen Gemeinwesens sei die Republik. Dieser Republik seien nur die Adjektive deutsch und demokratisch zugeordnet.

Eine Zeit der Abgrenzung

Dan Diner schildert, wie der Kalte Krieg Staatswesen und auch Volksparteien definiert. Nicht nur in Deutschland, sondern ebenfalls in Italien, Frankreich oder Großbritannien.

"Obwohl die Wurzeln der Volksparteien tief im 19. Jahrhundert liegen, sind sie letztendlich durch den Kalten Krieg formatiert worden."
Dan Diner, Historiker

Großbritannien zieht sich aus der EU zurück, die USA aus der globalen Verantwortung. Für den Historiker ist klar, dass Deutschland angesichts dieser Entwicklung nun mehr Verantwortung in und für Europa übernehmen muss.

Dan Diner ist emeritierter Professor für Geschichte an der Hebrew University Jerusalem. Er hat Rechtswissenschaften, Orientalistik, Sozialwissenschaften und Geschichte studiert. Seinen Vortrag mit dem Titel "Die Geburt des Westens aus dem Kalten Krieg" hat er anlässlich der Tagung "Kriegsende 1945" auf Einladung des Jena Centers für Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena gehalten – aufgrund der Corona-Pandemie per Videovortrag. (Dazu gibt es einen weiteren Hörsaal: Als Trauma noch kein Begriff war)