Einige Digitalunternehmen sind riesig. Sie bieten nicht nur Dienstleistungen an, sondern regelrechte Märkte, auch Plattformen genannt - zu denen sie dann wiederum den Zugang kontrollieren. Der Soziologe Philipp Staab erklärt diesen digitalen Kapitalismus. Er sagt: Diese Art des Wirtschaftens werde zum Vorbild auch für andere Arbeitsbereiche.

Eine sehr kleine Zahl sehr großer Firmen wie Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft beschreibt Staab als Leitunternehmen der Digitalisierung – zumindest in der westlichen Welt. Aber, so Staab: Sie funktionieren anders als große Unternehmen aus der Zeit vor dem digitalen Kapitalismus.

"Meine These ist: Das, was wir heute digitalen Kapitalismus nennen, ist im Kern eine Operation der Privatisierung der Marktfunktion, der Inbesitznahme ganzer Märkte durch digitale Plattform-Unternehmen."

Diese Firmen seien Märkte. Sie stellten Märkte bereit, die sie gleichzeitig besitzen und regulieren. Bei Plattformen nur von Infrastruktur zu sprechen, sei insofern nicht richtig. Wer diese Märkte nutzen wolle, müsse eine "Teilnahmegebühr" entrichten.

"Wir haben es hier mit Handelsmonopolen zu tun."

Die Kontrollmacht dieser Unternehmen sei umfassend und auch wiederum Teil des Geschäftsmodells. Profit werde durch die Anwendung dieser Kontrollmacht generiert. Staab unterscheidet vier Zweige:

  • Datenkontrolle
  • Zugangskontrolle
  • Preiskontrolle
  • Leistungskontrolle

Zukunft der Wirtschaft

Für Staab sind diese Unternehmen ein Ausblick auf die Entwicklung, die auch andere Wirtschaftsbereiche nehmen werden. Das algorithmische Management von Marktteilnehmern im kommerziellen Internet wird seiner Ansicht nach zum Paradigma der Arbeitssteuerung auch in anderen Bereichen.

"Der beste Weg, um eine lebendige, wirklichkeitsnahe Vorstellung der industriellen Strategie zu gewinnen, ist tatsächlich der, dass man das Verhalten neuer Konzerne und industrieller Unternehmungen ins Auge fasst, die neue Güter und Prozesse einführen."

Innerhalb dieses Systems gebe es Ungleichheit und auch Streiks gegen die Arbeitsbedingungen des digitalen Kapitalismus – zum Beispiel beim Lieferdienst Gorillas. Ein sozialer Konflikt werde aber blockiert. Staab skizziert als Gegenentwurf einen "Plattform-Kommunalismus", der umso dringlicher werde, je mehr Big Tech in den Bereich der öffentlichen Güter expandiere. Seine Forderung: Wenn von digitaler Souveränität die Rede ist, müsse damit nicht nur die Konsument*innen gemeint sein, sondern die der Bürger*innen und Arbeitnehmer*innen.

Philipp Staab hat die Professur Soziologie der Zukunft der Arbeit an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. 2019 erschien sein Buch "Digitaler Kapitalismus. Markt und Herrschaft in der Ökonomie der Unknappheit". Seinen Vortrag mit dem Titel "Digitaler Kapitalismus" hat er am 29. November 2021 gehalten anlässlich des Fachtages für Ethik- und Philosophielehrerinnen und -lehrer in Berlin.