In Grönland schmilzt die Eisdecke der Insel als Folge der Erderwärmung. Die grönländische Regierung möchte das nutzen und das Schmelzwasser als Trinkwasser verkaufen. Geschmacklich und qualitativ wird es wahrscheinlich an Leitungswasser erinnern, erklärt uns ein Wassersommelier.

Mit seinen 2500 Kilometern bedeckt der Eisschild Grönlands über 80 Prozent der Insel. An der breitesten Stelle misst die Schicht über 1000 Kilometer und ist bis zu drei Kilometer dick. Bis jetzt. Denn das Eis schmilzt.

Zwischen 1992 und 2018 sind etwa 3800 Milliarden Tonnen der Eisschicht geschmolzen, schreibt ein internationales Forschungsteam der University of Leeds, des California Institute of Technology und der University of California in einem Artikel im Fachmagazin Nature. Die Ursache: die Erderwärmung als Folge des Klimawandels.

Klimawandel nutzen und Export ausweiten

Die grönländische Regierung plant daher, Teile des Schmelzwassers zu verkaufen. Auf diesem Weg kann Grönland sein Wasser mit der ganzen Welt teilen und Länder unterstützen, in denen es nicht ausreichend Wasserressourcen gibt, erklärt der grönländische Energieminister Jess Svane.

Schmelzwasser ähnelt Leitungswasser

Für Wassersommelier Armin Schönenberger hingegen geht es beim grönländischen Schmelzwasser in erster Linie um Marketing. Denn: Grönland bezieht aktuell bis zu 90 Prozent seiner Einnahmen aus Fischfang. Der Verkauf des Wassers bietet die Möglichkeit, ein weiteres Produkt von der Insel in die Welt zu exportieren. Dazu hat die grönländische Regierung bereits neun Lizenzen an Unternehmen vergeben, 16 weitere sind ausgeschrieben. "Das werden die Unternehmen wohl nicht umsonst tun und vermutlich auch nicht mit dem Ziel, die Wasserknappheit auf der Welt zu bekämpfen", fügt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Sebastian Sonntag hinzu.

"Die grönländische Wirtschaft besteht aber zu 90 Prozent aus Fischfang. Und da gibt es schon länger Bemühungen, sich breiter aufzustellen."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Einen Markt für exklusive, teure Wasser gibt es, erklärt Armin Schönenberger. Beim Schmelzwasser aus Grönland sei daher die Marketingstrategie entscheidend, um es erfolgreich zu verkaufen. Denn: Geschmacklich wird das Gletscherwasser einem Leitungswasser ähneln und eher weich schmecken, schätzt der Wassersommelier.

Er erklärt: Dem Gletscherwasser wird es an Eigengeschmack fehlen, da im Gletscherwasser Mineralien wie Kalzium, Magnesium und Natrium kaum bis gar nicht vorkommen, die wir vom Mineralwasser kennen.

Geschmack im Wasser kommt von Mineralien

Anders als bei Schmelzwasser handelt es sich bei Mineralwasser nämlich um Regenwasser, das durch verschiedene Gesteinsschichten sickert und dabei verschiedene Mineralien aufnimmt. Welche das sind, hängt vom Boden ab. Entscheidend ist: Die Mineralien verleihen dem Wasser den Geschmack.

Wann ein Wasser als Mineralwasser gilt, ist in Deutschland gesetzlich geregelt, sagt Armin Schönenberger. Einerseits müsse es zum Beispiel unterirdisch vorkommen, anderseits sei das Abfüllen des Mineralwassers in Flaschen direkt am Quellort eine weitere Vorgabe. Ist es einmal abgefüllt, dürfe den Flaschen im Anschluss keine Zusätze hinzugefügt werden.

"Für mich ist es ökologisch schwachsinnig, Wasser in eine Plastikflasche einfüllen zu lassen und es nach Deutschland zu bringen, wenn wir hier eine hervorragende Leitungswasserqualität haben."
Armin Schönenberger, Wassersommelier

Weil das grönländische Gletscherwasser diese Vorschriften nicht erfüllen kann, kommt es wahrscheinlich als Tafelwasser in die deutschen Läden, schätzt er. Gerade weil das Leitungswasser in Deutschland sehr gut ist, ziehe er das dem grönländischen Schmelzwasser vor.