Klimaschutz ist in erster Linie ein psychologisches Problem, sagt Thomas Franke von der Uni Lübeck. Rein technisch oder auch sozial gesehen, hätten wir alle Voraussetzungen, das Klima zu schützen.

Am Anfang steht die Frage: Wo fange ich an und wie kann ich dem Menschen Stück für Stück helfen, klimafreundlichere Entscheidungen zu treffen, erklärt Thomas Franke. Er ist Professor für Ingenieurspsychologie und Kognitive Ergonomie an der Uni Lübeck. Deshalb entwickelt er mit seinem Team einen Tracker, der uns zeigt, wie viel von unserem CO2-Budget noch übrig ist. Und weil niemand ständig mit seinem Defizit konfrontiert sein will, strengt er sich an.

"Wir lernen tagtäglich, Zeit besser einzuordnen. Aber wie viel CO2 durch eine halbe Stunde Autofahrt produziert wird, weiß ich nicht."
Thomas Franke, Professor für Ingenieurspsychologie und Kognitive Ergonomie Uni Lübeck

Das CO2-Budget eines Menschen liegt bei 2,7 Kilogramm, um die Klimaziele von Paris einzuhalten. Im Schnitt verursacht jeder Mensch aber tatsächlich pro Tag 26 Kilo CO2. Wir müssen also jeden Tag sehen, welche unserer Aktivitäten wie viel CO2 verbraucht, damit wir etwas ändern können, erklärt Thomas Franke. Der CO2-Tracker soll uns dabei helfen. Ihn könnten wir uns auf das Smartphone laden und unsere Bilanz verfolgen und auch senken.

"Wir nennen das Fitness-Tracker für CO2. Das wäre sozusagen unser Fitness-Programm: Von 26 auf 2,7 Kilogramm runter. Das ist enorm. Dafür brauchen wir schon einen guten Fitness-Trainer, der uns dabei hilft."
Thomas Franke, Professor für Ingenieurspsychologie Uni Lübeck

Die Idee: Wenn wir feststellen, dass wir zum Beispiel mit der Fahrt zur Arbeit schon das tägliche CO2-Limit ankratzen, nehmen wir für die Fahrt zum Einkaufen oder ins Kino das Fahrrad.

Spaß beim Senken der CO2-Bilanz

Der CO2-Tracker soll aber auch so gestaltet sein, dass wir nicht jeden Tag einfach nur darüber frustriert sind, dass wir es nicht schaffen, mit dem Budget klar zu kommen, sondern es uns noch Freude und Spaß macht, die Bilanz zu senken. "Wie erhalten wir die Motivation aufrecht, uns mit unserer persönlichen CO2-Bilanz zu beschäftigen? Ich glaube, das ist eine Herkules-Aufgabe", sagt Thomas Franke.

"Das Schöne am Menschen ist, dass er sich anpassen kann. Ich glaube, wir stehen am Anfang einer Aufklärung 2.0, bei der wir ein gigantisches Bildungsprojekt vor uns haben."
Thomas Franke, Ingenieurpsychologe Uni Lübeck

Das Ziel des CO2-Trackers ist, es so einfach wie möglich zu machen, das Klima im Alltag zu schützen. Wir haben zwar die Fähigkeit entwickelt, Zeit oder Geld, ziemlich abstrakte Begriffe, gut einzuschätzen. Wenn wir diese beiden Ressourcen falsch kalkulieren, tragen wir selbst die Konsequenzen dafür. Nicht aber, wenn wir auf Kosten unserer Umwelt leben oder schädliches CO2 verursachen. Die Fähigkeit, mit den Ressourcen Umwelt und Klima umzugehen, müssen wir erst noch entwickeln, sagt Thomas Franke. Dabei soll uns der CO2-Tracker unterstützen.

"CO2 ist per Definition erst einmal ungreifbar, anders als beispielsweise Geld. CO2 ist einfach etwas, was ich mir schlecht vorstellen kann. Menschen sind nicht dafür gemacht, mit CO2 umzugehen."
Thomas Franke, Uni Lübeck

Thomas Franke und sein Team vom Institut für multimediale und interaktive Systeme (IMIS) entwickeln den CO2-Tracker gemeinsam mit der Gesellschaft für Energie und Klimaschutz Schleswig-Holstein GmbH (EKSH).

Verhaltensökonomische Entscheidungen als Grundlage

Für die Entwicklung des CO2-Trackers legt er psychologische Gesetzmäßigkeiten aus der Verhaltensökonomie zugrunde. Jeden Tag treffen wir ökonomische Entscheidungen. Bei Geld und Zeit haben wir früh gelernt, deren Wert zu schätzen und damit umzugehen, wir können beides auch messen. Dafür gibt es Werkzeuge wie beispielsweise die Uhr. Das fehlt uns für die Ressource CO2.

"Wir brauchen keinen Faustkeil für CO2-Tracking, sondern einen Begleiter, der genauso intelligent ist wie der bestmögliche CO2-Bilanzierungsexperte, der mir meine Fragen beantwortet und sagt, was ich tun kann."
Thomas Franke, Uni Lübeck

Klar, gibt es schon einige Portale wie das des Umweltbundesamtes, wo wir uns über den CO2-Rechner informieren können. "Damit kann ich meinen Lebensstil reflektieren." Das helfe uns aber nicht bei den Entscheidungen, die wir ständig treffen müssen und die Auswirkungen auf unsere CO2-Bilanz haben, sagt Thomas Franke.

"Wir stehen quasi in jeder Sekunde unseres Lebens vor Entscheidungen, die CO2-Implikationen haben."
Thomas Franke, Uni Lübeck

Das Ziel des Trackers ist, dass jeder Mensch es schafft, nur noch eine Tonne CO2 im Jahr zu verursachen, um die Klimaziele von Paris einzuhalten.

Den Menschen Entscheidungsfreiheit geben

Um das zu erreichen, gehe es nicht darum, den Menschen Freiheit zu nehmen, sondern dass sie reflektierte und mündige Entscheidungen treffen können. "Ich glaube, dass können sie heute nicht", sagt Thomas Franke. Das Ziel der Forschenden ist, den Menschen Entscheidungsfreiheit zu geben.

"Wie kann ich sagen, ich bin frei, wenn ich uninformiert bin und mich wider besseres Wissen oder ohne Wissen entscheiden muss?"
Thomas Franke, Uni Lübeck

Thomas Franke geht davon aus, dass er es zusammen mit seinem Team in zwei oder drei Jahren schaffen könnten, einen gut funktionierenden CO2-Tracker zu entwickeln. Allerdings gebe es zurzeit noch zu wenig Bewegung im Wissenschaftsbereich und bei der Forschung für Mensch-Computer-Interaktion, sagt er.