Flucht vor verändertem Klima ist kein Asylgrund – allerdings kann Klimawandel zu anerkannten Fluchtgründen führen. Warum, erklärt Politikwissenschaftler Olaf Kleist.

Menschen fliehen aus ihrer Heimat – auch, weil sich das Klima verändert. Die Sea-Watch-3-Kapitänin Carola Rackete hat sich vor Kurzem öffentlich dafür ausgesprochen, dass auch Menschen Asyl bekommen sollen, die vor dem veränderten Klima flüchten. Das fällt aktuell nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention.

"Migration gibt es aus sehr vielen Gründen. So kann auch Klimaveränderung dazu führen, dass Menschen aus Gründen fliehen, die doch in der Genfer Flüchtlingskonvention abgedeckt sind."

In der Praxis sei das sehr komplex, sagt Olaf Kleist: Da könne man oft nicht sagen, ob der Klimawandel der ursprüngliche Grund für die Flucht sei. Ein theoretisches Beispiel: Landmassen werden durch den Klimawandel überflutet und sind dauerhaft nicht mehr nutzbar. Menschen verlieren ihren Grund und Boden sowie beackerbares Land – es kommt zu Konflikten: Streit um Essen und Ressourcen. Das wiederum kann am Ende zu politischer oder rassistischer Verfolgung führen – Gründe, die von der Genfer Klimakonvention abgedeckt werden.

Vorhersagen schwierig, weil Ursache oft nicht erkannt wird

Daher sei es auch schwierig, eine Zahl für vor dem Klimawandel Geflüchtete zu finden, so der Politikwissenschaftler. Zwar habe man Zahlen über Flüchtlinge, die unter die Genfer Flüchtlingskonvention fallen und vom UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) betreut werden – rund 70 Millionen Menschen. Es sei nicht immer klar, welche Ereignisse und Katastrophe aufgrund des Klimawandels stattfinden. Eine Vorhersage, mit wie vielen geflüchteten Menschen wir in Europa aufgrund des Klimawandels rechnen können ist also sehr schwierig – Olaf Kleist sagt, dass man hier nur spekulieren könne.

"Wie viele tatsächlich aufgrund von Umweltkatastrophen oder Ähnlichem migrieren, das wissen wir nicht."

Sicher ist laut Olaf Kleist nur, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz nach Europa kommen wird: Auch in Zukunft seien viele der Geflüchteten Binnengeflüchtete – sie flüchten also innerhalb ihres eigenen Landes. Von den aktuell 70 Millionen erfassten Geflüchteten seien zum Beispiel allein rund 40 Millionen Binnengeflüchtete, die ihr Land nicht verlassen. Und selbst von den Menschen, die ihr Land verlassen, blieben rund 80 Prozent in den Nachbarländern ihrer Herkunftsorte.

"Das heißt, die allerwenigsten Menschen, die vertrieben werden, fliehen wirklich ziemlich weit. Also kommen überhaupt nach Europa."

Langfristige politische Lösungen zwischen Staaten wichtig

Für Olaf Kleist hat Europa eine moralische Verantwortung Ländern gegenüber, die vom Klimawandel so stark betroffen sind, dass Menschen flüchten. Gerade wenn man überlege, welchen Anteil Europa an der Klimaveränderung habe – zum Beispiel durch das Verbrennen von Kohle und Erdöl.

"Wenn wir sehen, dass dies eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wird, dann ist die Frage: Welche Organisationen können das eigentlich leisten?"

Es gebe große humanitäre Organisationen mit Expertise wie die UNHCR, die bei klimabedingten Katastrophen den Menschen helfen können, das passiere auch – aber die Mandate müssten langfristig um die Folgen des Klimawandels ergänzt werden. Die Organisationen hätten die Expertise, aber die Staaten die Entscheidungsgewalt.

"Das wird der Weg vorwärts sein: politische Lösungen zu finden, statt neuer internationaler Abkommen."

Genau das sei wichtig: Dass die Staaten zusammenkommen und gemeinsame Lösungen finden. Klimawandel und die damit verbundene Flucht seien langfristige Herausforderungen und hier müsse auch langfristig gedacht werden. Denn: "Ad-hoc-Lösungen werden hier nicht die Antwort sein, das haben wir in den letzten Jahren erlebt", so Olaf Kleist.