Vor Kurzem hat die indische Regierung vermeldet, dass sich in den letzten Jahren die Zahl der Königstiger in Indien auf fast 3000 Tiere nahezu verdoppelt hat. Ökotourismus und Wilderei setzen der zweitgrößten Raubkatze der Welt aber weiterhin zu.

Noch 1930 wurde der Gesamtbestand der frei lebenden Königstiger im damaligen Britisch-Indien, dieses Gebiet umfasst heute Indien, Pakistan, Bangladesch und Myanmar, auf über 40.000 Tiere geschätzt. Durch hemmungslose Jagd, aber auch durch Zerstörung ihres Lebensraums schrumpfte die Zahl der Tiger immer mehr, bis es 2005 noch 1400 Exemplare waren. Inzwischen hat sich der Bestand der Königstiger in Indien leicht erholt und wird jetzt mit 3.000 Tieren beziffert.

"Wenn ein Tiger von einer Kamera erfasst wird, erkennen die Wissenschaftler an Hand des Streifenmusters und dem Vergleich mit Bildern aus Tiger-Fotodatenbanken sofort, um welchen Tiger es sich handelt."
Mario Ludwig, Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte

Allerdings sind frühere Zählungen nicht besonders zuverlässig, denn früher wurden in Indien die Zahl, der in einem Gebiet vorhandenen Tiger, anhand der Menge der dort vorhandenen unterschiedlichen Pfotenabdrücke bestimmt. Das sei eine sehr ungenaue Methode mit einer möglicherweise hohen Fehlerquote, sagt der Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte Mario Ludwig.

Streifenmuster so einzigartig wie Fingerabdruck beim Menschen

Seit 2008 setzt Indien Kamerafallen zur Ermittlung der Tigerdichte ein. Jeder Tiger hat ein individuelles Fell, denn sein Streifenmuster ist so einzigartig wie der Fingerabdruck eines Menschen. Wenn ein Tiger von einer Kamerafalle erfasst wird, erkennen die Wissenschaftler anhand des Streifenmusters und dem Vergleich mit Bildern aus Tigerfoto-Datenbanken sofort, um welches Tier es sich handelt.

Somit können die Forschenden können bestimmen, ob es sich um einen neu zugewanderten Tiger oder ob es sich um einen schon lang bekannten Tiger aus der Region handelt.

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Der Zuwachs der Tigerpopulation ist auf umfangreiche strukturelle Schutzmaßnahmen zurückzuführen. Dazu zählt beispielsweise, dass die vorhandene Waldfläche in Indien, also der Lebensraum des Königstigers, in den letzten Jahren wieder größer geworden ist. Und auch die Zahl der Schutzgebiete ist angewachsen: 2014 waren es noch 692, heute sind es 860.

Inzwischen gibt es auch mehr "Community Reserves", die die Tiere nutzen können. Community Reserves sind eine Art Korridor zwischen Schutzgebieten, die es den Tigern erlauben hin und her zu wandern. Die Korridore sind wichtig für den Genaustausch zwischen den einzelnen Tigerpopulationen, damit es nicht zu Inzucht-Erscheinungen kommt.

Hohe Schwarzmarktpreise für Tigerprodukte

Wilderei stellt weiterhin ein großes Problem dar. Obwohl es ein weltweites Handelsverbot für Tigerteile und Tigerprodukte gibt, blüht der illegale Handel auf dem Schwarzmarkt. Mit Tigerprodukten, wie Tigerknochen oder Tigerpenis, die beispielsweise auf dem chinesischen Markt als Potenzmittel begehrt sind, können Wilderer viel Geld verdienen.

Ein Tigerfell bringt auf dem Schwarzmarkt 15.000 Dollar, ein Tigerpenis 5.000 Dollar und ein Kilo Tigerknochen bis zu 6.500 Dollar.

Selbst das Tiger-Schutzprogamm der indischen Regierung hat laut einer Studie indischer Wissenschaftler vom "Laboratory for the Conservation of Endangered Species" in Hyderabad einen negativen Nebeneffekt: Zu viele Menschen kommen in die Reservate und stören somit die Tiere.

"Ein Tigerfell bringt auf dem Schwarzmarkt 15.000 Dollar, ein Tigerpenis 5.000 Dollar und ein Kilo Tigerknochen bis zu 6.500 Dollar."
Mario Ludwig, Deutschlandfunk-Nova-Tierexperte

Mithilfe von Ökotourismus lassen sich Artenschutz-Programme finanzieren. Beispielsweise kann man das Geld nutzen, um Wilderer zu Rangern umzuschulen, die die Tiger beschützen sollen. Aber es hat sich gezeigt, dass die Touristen, die Schutzgebiete besuchen, die Tiere massiv stressen können.

Um das nachzuweisen, haben Forschende in zwei Reservaten im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh, die Kotproben von mehr als 60 Tigern eingesammelt und auf sogenannte Glucocorticoide untersucht – das sind klare Indikatoren für physiologischen Stress.

Im Anschluss daran haben die Wissenschaftler den Glucocorticoid-Level der Tiger in der Touristensaison, also im Zeitraum von Januar bis März gemessen. Die gesammelten Daten haben sie mit den mit den im Kot enthaltenen Glucocorticoid-Leveln aus dem September verglichen, das heißt zu einem Zeitpunkt, an dem sich kaum Touristen in den Schutzgebieten befinden.

Stress kann Tigerpopulation negativ beeinflussen

Touristen – sowohl Menschen als auch die Geländefahrzeuge, die sie nutzen – stressen die Tiger nachweisbar. Je höher die Besucherzahl war, desto höher war das gemessene Stresslevel.

Das kann sich langfristig negativ auf die Tigerpopulationen auswirken. Über einen längeren Zeitraum erhöhte Glucocorticoid-Level können, nach Ansicht der Forschenden, nicht nur das Wachstum, sondern auch den Fortpflanzungserfolg und das Immunsystem der Tiger negativ beeinflussen.