Bis heute gilt die konfuzianische Lehre für viele als Richtschnur dafür, moralisch richtig zu handeln und zu leben. Aber von der westlichen Philosophie wird sie oft als bloße Sittenlehre abgetan. Dabei ist sie viel mehr. Ein Vortrag der Politologin Eun-Jeung Lee.

Wie man eine Reisschale hält oder seine angeheirateten Verwandten anspricht, das sind Gewohnheiten und Gebräuche - konfuzianische Gebräuche, sagen viele Konservative in asiatischen Ländern. Doch diese konkreten Praktiken haben wenig mit dem eigentlichen Inhalt der konfuzianischen Philosophie zu tun.

"Auch heute noch wird der Konfuzianismus in Europa als bloße Höflichkeits- und Weisheitslehre behandelt. Das ist Quatsch."
Eun-Jeung Lee, Korea-Wissenschaftlerin

Konfuzius ging es nicht um konkrete Rituale, sagt Eun-Jeung Lee. Sie ist Professorin am Institut für Koreastudien an der Freien Universität Berlin. Seine Philosophie ist vielmehr eine vollwertige Moraltheorie, in deren Mittelpunkt ein Begriff steht: die Menschlichkeit.

Konfuzianismus handelt auch von Nächstenliebe

Sieht man sich Konfuzius' Werk genauer an, dann ist sein Herzstück eine uns nur allzu vertraute Maxime: Wir sollen andere so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen.

"Die Menschlichkeit ist der zentrale Begriff im Denken von Konfuzius."
Eun-Jeung Lee, Korea-Wissenschaftlerin

In ihrem Vortrag erzählt Eun-Jeung Lee, worum es Konfuzius ging, was er mit seiner Lehre erreichen wollte und wie seine Philosophie bis heute missverstanden und für politische Ziele instrumentalisiert wird.

"Ob man die Menschlichkeit erreicht oder nicht, hängt von der Entscheidung und dem Tun des einzelnen Menschen ab."
Konfuzius, Lunyu 15.28

Der Vortrag von Eun-Jeung Lee hat den Titel "Bloß nicht übertreiben – Höflichkeit nach der konfuzianischen Lehre". Sie hat ihn am 30. Oktober 2019 an der Freien Universität Berlin gehalten, im Rahmen der Ringvorlesung "Über den Umgang mit Menschen".