Unter Freunden geht das: Mal ein Auge zudrücken. Da sehen wir alles nicht so eng und machen eine Ausnahme. Kein Problem. Und falls jemand keine Freunde hat? Dann kauft er sich einfach welche.

Eine Hand wäscht die andere - das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Vetternwirtschaft, Klüngel, Bestechung, Korruption - das Bundeskriminalamt sagt, all das ist auf dem Vormarsch. Die Straftaten im Bereich der Korruption sind innerhalb eines Jahres um 190 Prozent gestiegen, die wirtschaftlich entstandenen Schäden haben sich laut Bundeslagebild 2014 auf 358 Millionen Euro verdoppelt.

Korruption ist überall

Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil, so definiert das Transparency International (TI). In Deutschland wurde das Problem lange ignoriert. Doch die jüngsten Skandale um den Hauptstadtflughafen, die Fifa oder jetzt auch den DFB haben es uns wieder ins Gedächtnis gerufen: Korruption ist allgegenwärtig - in Wirtschaft, Politik, allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen - auch in der Verwaltung.

Edda Müller von Transparency International (TI) über Bestechung
"Da gibt es Leute in der Verwaltung, die sagen dem, der sie bezahlt, wie die Bedingungen sind, wie die Angebote der anderen sind, und dann erklärt er: Wenn du mir noch was drauflegst, dann kriegst du den Auftrag."

Korruption läuft im Verborgenen ab - in den allermeisten Fällen geht es darum, einen Auftrag oder eine behördliche Genehmigung zu bekommen. Menschen sind aber nicht einfach per se korrupt - manche Strukturen befördern das, sagt Edda Müller von TI. Etwa "wenn Mitarbeiter in einem Unternehmen merken, dass die Leute da oben im Vorstand einen Selbstbedienungsladen haben."

Wir bevorzugen Freunde

Die Bundesregierung will Korruption im Gesundheitswesen durch neue Gesetzesvorhaben eindämmen. Sicher eine gute Idee. Aber Jens Ivo Engels, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt und Autor des Buches "Die Geschichte der Korruption", sagt: Eine Gesellschaft geht nicht ganz ohne Korruption.

"Früher galt Korruption als völlig normal. Erst seit etwa 200 Jahren hat sich der Begriff gewandelt, und die Vermischung zwischen öffentlichem Amt und Privatem wird als anrüchig wahrgenommen."
Jens Ivo Engels, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt

Gesellschaftliche Werte verletzen

Die Grenze zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich, etwa im Leben eines Politikers, sei sehr schwer zu ziehen. Wenn Politiker sich gegenseitig helfen und unterstützen - ist das dann noch im öffentlichen Interesse oder privat? Jens Ivo Engels sagt: "Wir sind dann korrupt, wenn ein moralisches Urteil über unser Handeln gefällt wird. Wenn wir durch unser Handeln zentrale Werte der Gesellschaft verletzt haben."

Gegen Korruption helfen seiner Meinung nach mehr Transparenz und formalisierte Verfahren, wie Monitoring oder Compliance. Doch der Klientelismus, den wir alle betreiben, ist ja gerade das Gegenteil von Transparenz: Wir bevorzugen Freunde vor Fremden, weil wir sie kennen und ihnen vertrauen können. Und weil wir über diese informellen Kanäle oft einfacher und schneller ans Ziel kommen.

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