Dass es vielen Krankenhäusern in Deutschland wirtschaftlich nicht allzu gut geht, ist bekannt. Seit den ersten Corona-Fällen hierzulande, stehen Kliniken aber besonders unter Druck. Ein Einblick.

60 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland rechnen für das Jahr 2021 mit einem wirtschaftlichen Verlust. Wie ernst die Lage ist, zeigt das neue Krankenhaus-Barometer. Trotz staatlicher Hilfen in der Coronakrise geht es Kliniken wirtschaftlich so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr, heißt es in der repräsentativen Befragung.

"Nur 11 Prozent der befragten Krankenhäuser stufen ihre wirtschaftliche Lage als gut ein."
Amelie Fröhlich, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Eine Ursache liegt in der Finanzierung. Der Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven erklärt: "Krankenhäuser finanzieren sich über zwei Säulen. Das eine sind Investitionen des Landes, in dem die Klinik sitzt. Es geht zum Beispiel um Erweiterungen des Gebäudes, Umbauten wie neue Operationssäle und die Anschaffung von neuen technischen Geräten, unter anderem MRT."

Pauschalen legen fest, was eine Operation kosten darf

Mit Fallpauschalen wird alles Nötige für eine OP finanziert, zum Beispiel Verbandsmaterial und Medikamente. Diese Pauschalen sind für alle Operationen gleich hoch.

Daher lohnen sich vor allem kleinere Eingriffe für Kliniken. Patient*innen können früher nach Hause – mehr Geld bleibt für das Krankenhaus übrig.

Klickt auf Play, um das ganze Gespräch mit dem Wirtschaftsjournalisten Nicolas Lieven zu hören
"Personalkosten für die Pflege von Patientinnen und Patienten und Betriebskosten wie Strom, Gas und Wasser werden von den Krankenkassen finanziert. Ebenso wie auch das Geld für Behandlungen und Operationen. Sogenannte Fallpauschalen legen fest, was eine OP kosten darf."

Die Klagen der Kliniken wegen Unterfinanzierung durch die aktuell hohe Auslastung seien daher kritisch zu betrachten, so der Wirtschaftsjournalist: "Die Deutsche Krankenhausgesellschaft ist ein Lobbyverband. Es ist deren Job, auf Missstände hinzuweisen." Allerdings seien die Ausgaben der Krankenkassen zwischen 2008 und 2020 von 50 Milliarden Euro für den stationären Bereich auf 80 Milliarden gestiegen.

Länder kommen Pflicht nicht nach

Geld fehle vor allem bei der Ausstattung und der Erweiterung der Hospitäler und der Anschaffung neuer Geräte, sagt Nicolas Lieven. "Hierfür sind die Länder zuständig. Die kommen ihrer Pflicht vielfach nicht nach." Es werde zum Teil weniger als vor 30 Jahren investiert. Man dürfe nicht vergessen, dass die Preise seither gestiegen sind.

Viele Operationen abgesagt

Die finanzielle Schieflage habe aber auch mit Corona zu tun, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Amelie Fröhlich: "Durch die Pandemie sind die Kliniken nicht gut ausgelastet. Jedes zweite Krankenhaus meldet, dass 2021 weniger Betten belegt waren als 2020."

Um Plätze für mögliche Corona-Erkrankte freizuhalten, seien planbare Operationen abgesagt worden. Insgesamt sei die Zahl der Behandlungen zurückgegangen, weil viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit Corona nicht zum Arzt oder ins Krankenhaus gegangen sind.

Fehlendes Pflegepersonal

Weiterhin fehle es Krankenhäusern an Pflegepersonal, erklärt unsere Reporterin. "Der Umfrage zufolge hat sich der Personalmangel in der Pflege noch mal zugespitzt. Vier von fünf Krankenhäusern haben Probleme, offene Stellen auf ihren allgemeinen und Intensivstationen zu besetzen."

Deutschlandweit seien 22.300 Pflegestellen unbesetzt – dreimal so viele offene Stellen wie vor fünf Jahren.

"Jedes zweite Krankenhaus erwartet, dass sich die Personalsituation in den nächsten drei Jahren verschlechtert."
Amelie Fröhlich, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Der Personalmangel in der Pflege ist laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft das drängendste Problem in der Gesundheitspolitik.

Unterschiede zwischen privaten und öffentlichen Krankenhäusern

Allerdings gelten die wirtschaftlichen Prognosen nicht für alle Krankenhäuser: "Ich habe mir zum Vergleich die Bilanzen privater Betreiber wie Helios, Sana, Rhön, Asklepios und so weiter angeschaut. Und die haben in den letzten 20 Jahren richtig Gewinne gemacht. Das zeigt, dass man mit auch mit Krankenhäusern Geld verdienen kann", so Nicolas Lieven.

Dass aufgrund der Gewinne privater Betreiber nun die komplette Gesundheitsversorgung privatisiert wird, glaubt Nicolas Lieven aber nicht. "Denn es gibt sehr viele, die argumentieren, dass die Privatisierung des Gesundheitswesens der falsche Weg ist. Sie sagen, dass mit Gesundheit kein Gewinn gemacht werden darf."

Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist
"Es handelt sich bei den wirtschaftlichen Belangen öffentlicher Krankenhäuser um andere Belange als bei privaten Krankenhäusern."

Davon, dass beim Personal nicht weiter gespart werden darf, ist Lieven überzeugt. "80 Prozent der Krankenhäuser haben bereits Probleme, Personal zu finden. Das liegt daran, weil Pflegende viel zu tun haben und wenig verdienen."