Nach dem Abzug russischer Truppen aus dem Großraum Kiew wurden hunderte Leichen entdeckt. Offenbar kam es zu furchtbaren Verbrechen an Zivilisten durch russische Soldaten. Russlands Regierung weist Vorwürfe von Kriegsverbrechen zurück und spricht von "Provokationen" der ukrainischen Seite.

Der Großraum der Hauptstadt Kiew ist wieder unter ukrainischer Kontrolle. Doch nach dem Abzug russischer Truppen fand man hunderte Leichen in Butscha und anderen Vororten der Hauptstadt.

"Es sind offenbar fürchterliche Verbrechen geschehen."
Sabine Adler, Dlf-Korrespondentin für Osteuropa

Vorwurf von Gräueltaten in Kiews Vororten

Gewaltverbrechen gab es nicht allein in Butscha, sagt Sabine Adler, Dlf-Korrespondentin für Osteuropa. Ein dutzend Orte rund um Kiew seien betroffen. "An diesen Orten haben die russischen Streitkräfte offenbar Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen", sagt Sabine Adler. "Die ukrainischen Behörden gehen jetzt in diese Orte, um Untersuchungen anzustellen."

Russlands Regierung weist Vorwürfe von Kriegsverbrechen zurück. Die Gräueltaten seien "Provokationen der ukrainischen Radikalen".

Russland hat für heute (4. April) eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates beantragt. Man wolle die angeblichen "Inszenierungen" aufklären. Sabine Adler bewertet das russische Vorgehen als komplette Verdrehung der Ereignisse.

Videobotschaft von Präsident Wolodymyr Selenskyj

Gestern (3. April) richtete sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videobotschaft erneut an die Ukrainerinnen und Ukrainer. Das tut er fast täglich. Diesmal richtete er sich auch an die Alt-Kanzlerin Angela Merkel. Er lud sie ein, Butscha zu besuchen.

Mit der Video-Botschaft erinnerte Selenskyj auch an den 14. Jahrestag des NATO-Gipfels in Bukarest in 2008, so Sabine Adler. Damals wurde die Ukraine nicht aufgenommen, obwohl sie NATO-Mitglied werden wollte. "Selenskyj ist in dieser Botschaft ganz besonders bitter; unter dem Eindruck stehend, was da gestern in den Vororten bekannt wurde", sagt Sabine Adler.

"Selenskyj ist bitter in dieser Video-Botschaft."
Sabine Adler, Dlf-Korrespondentin für Osteuropa

Wolodymyr Selenskyj gebe dem Westen nicht die Schuld an den Verbrechen, die offenbar geschehen sind. Aber er wolle, dass Angela Merkel und auch der französische Ex-Präsident Nicolas Sarkozy sehen, wohin die Entscheidung von 2008 führte. Deutschland und Frankreich hatten sich damals gegen einen Beitritt ausgesprochen. Der Ukraine sowie Georgien wurde eine Mitgliedschaft in Aussicht gestellt, doch ohne Datum. Ein Argument für die Absage eines NATO-Beitritts war damals aber auch, dass mann Russland nicht in die Enge treiben wollte.

Die Botschafter der Ukraine sollen ihre Arbeit machen

Am Wochenende meldete sich auch Andrij Melnyk, der ukrainische Botschafter in Berlin, zu Wort. Er griff Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an. Dessen Verhältnis zu Russland sei "heilig" und er habe ein "Spinnennetz" an Kontakten geknüpft.

Solche schweren Vorwürfe, wie sie von Andrij Melnyk kommen, mache der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nicht, so Sabine Adler. Doch zugleich erwarte Selenskyj von den Botschaftern, dass sie sich in den jeweiligen Ländern stark machen für Sanktionen Russlands und Waffenlieferungen an die Ukraine. Mit den Botschaftern in Marokko und Georgien war Selenskyj zuletzt unzufrieden; sie wurden abberufen.