Die Türkei greift zurzeit kurdische Gebiete in Syrien an, die Infrastruktur wird zerstört und die Menschen haben Angst um ihr Leben. Auch im Irak gibt es Attacken auf kurdische Gebiete, wofür unter anderem der Iran verantwortlich ist. Die Journalistin Kristin Helberg ordnet die Angriffe ein.

Die Lage in den kurdischen Gebieten im Nordosten Syriens sei dramatisch, so Kristin Helberg. "Die Türkei fliegt seit zehn Tagen ganz massive Angriffe entlang der Grenze, aber auch im Landesinneren", sagt die Journalistin.

Gegen die Aggressionen der Türkei gab es nicht allein in Deutschland Proteste, wie im Bild oben in Frankfurt am Main.

In Syrien werden in den halbautonomen Gebieten nicht nur militärische Ziele getroffen, wie die Regierung in Istanbul behauptet. "Sie trifft auch zivile Infrastruktur." Zum Beispiel, so Kristin Helberg, sei die Gasversorgung lahmgelegt worden, ein Covid-Krankenhaus und auch Getreidesilos seien getroffen worden.

Luftangriffe durch die Türkei

"Die Menschen haben große Angst", sagt die Journalistin. Auch Angst, dass die Türkei zusätzlich eine Bodenoffensive starten könnte, die Präsident Recep Erdoğan immer wieder ankündigt. Schon jetzt machen die Luftangriffe auf die Infrastruktur das Leben für die Menschen vor Ort extrem schwierig.

Das ist gewollt. Der Regierung in Istanbul sei das kurdische Autonomie-Projekt in Syrien ein Dorn im Auge. Präsident Recep Erdoğan fühle sich bedroht, so Kristin Helberg. "Erdogan möchte das ganze autonome Projekt der Kurden zerstören."

"Präsident Erdoğan fühlt sich bedroht von dem kurdischen Autonomie-Projekt, das in den letzten zehn Jahren im Nordosten Syriens entstanden ist."
Kristin Helberg, Journalistin

Hinter dem Versuch, in Nordost-Syrien ein Kurden-Gebiet aufzubauen, steckt die "Partei Demokratische Union" (PYD), eine Art Schwesterpartei der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). "Aus türkischer Sicht sind das alles Terroristen", sagt Kristin Helberg. "Es werden auch zivile Vertreter der autonomen kurdischen Verwaltung gezielt mit Drohnen angegriffen."

Der Kampf gegen den IS könnte scheitern

Offiziell heißt es aus Istanbul, dass man eine "Schutzzone" errichten wolle. Diese soll 30-Kilometer in syrisches Gebiet hineinreichen, um Geflüchtete zurück schicken zu können. Seit dem Krieg in Syrien sind vier Millionen Menschen aus dem Land in die Türkei geflohen.

Die Angriffe durch die Türkei erschweren auch den Kampf gegen den IS, den sogenannten Islamischen Staat. Die YPG, die syrische Kurdenmiliz im Nordosten, bewache tausende von IS-Kämpfern, so Kristin Helberg. Die YPG wird von den USA und anderen Staaten bei ihrem Kampf gegen den IS unterstützt.

"Die Menschen fühlen sich vom Westen im Stich gelassen."
Kristin Helberg, Journalistin

Diese Situation führe auch dazu, dass sich die Kurd*innen vom Westen verraten fühlten. "Man hat ja den IS zurückgedrängt", sagt Kristin Helberg. "Die USA ziehen ihr ziviles Personal ab und die Menschen fühlen sich gegenüber der Gefahr durch die Türkei und gegenüber der Gefahr durch den IS allein gelassen."

Die USA und auch Europa halten sich gegenüber der Regierung in Istanbul zurück. "Europa braucht Recep Erdoğan schon länger als Türsteher, denn er hält weitere Geflüchtete aus dem Nahen Osten von Europa fern", sagt die Journalistin. Außerdem hat der türkische Präsident im Zusammenhang mit Russlands Angriffskrieg in der Ukraine international an Bedeutung gewonnen, weil er sich als Vermittler positionieren konnte.

Auch im Irak werden kurdische Gebiete attackiert

Weltweit leben rund 30 Millionen Kurd*innen; sie sind ein Volk ohne Staat. Sie leben auch im Nordirak, wo sie eine gewisse Autonomie haben. Aber auch dort werden sie von der Türkei angegriffen – und zurzeit auch aus dem Iran.

Das Land will damit iranisch-kurdische Exilgruppen vor Ort attackieren. Teheran unterstellt ihnen, dass sie die anhaltenden Proteste im Iran schüren. In dem Land ist es zuletzt vor allem auch in kurdisch geprägten Regionen zu Demonstrationen gegen das Regime gekommen.

  • Moderator:  Till Haase
  • Gesprächspartnerin:  Kristin Helberg, Journalistin