Die Zahl der Menschen, die kurzsichtig sind, wächst. Laut Studien brauchen immer mehr von uns bis zum dreißigsten Lebensjahr eine Brille. Das hat Gründe. Unter anderem das viele Starren auf Bildschirme.

"Eigentlich konnte ich immer gut sehen." Diesen Satz hören Optiker oft, wenn Menschen zwischen 20 und 30 zu ihnen kommen, weil sie eine Brille brauchen. Die Zahl der Kurzsichtigen steigt rasant. Das belegen Studien.

Zahl der Brillenträger steigt

In der Altersklasse der 20 bis 29-Jährigen lässt sich der Anstieg der Kurzsichtigkeit besonders gut erkennen. Laut der Brillenstudie des Instituts für Demoskopie Allensbach, die regelmäßig vom Kuratorium Gutes Sehen in Auftrag gegeben wird, brauchten 1952 noch 13 Prozent in dieser Altersklasse eine Brille, im Jahr 2008 waren es schon 27 Prozent – 2018 sogar 35. 

Die Gutenberg Gesundheitsstudie hat ebenfalls Zahlen ermittelt. Zwischen 2007 und 2017 hatten sie 15.000 Menschen unter anderem zu ihrer Sehkraft befragt, mit dem Ergebnis, dass bei den 35 bis 44-Jährigen schon 64 Prozent eine Brille oder Kontaktlinsen tragen. 

Mehr Brillenträgerinnen und Brillenträger mit höherem Bildungsgrad 

Laut Alexander Schuster von der Gutenberg Gesundheitsstudie ist die Zahl der Kurzsichtigen bei Menschen mit höherem Bildungsgrad höher. Das liege vor allem daran, dass beispielsweise Akademiker längere Zeit bei Kunstlicht an Computern sitzen. 

"Die Helligkeit des Raums spielt eine Rolle und auch der Leseabstand."
Alexander Schuster, über die Ergebnisse der Gutenberg Gesundheitsstudie

Tageslicht ist gut für die Augen

Interessant ist für die Forscher, ob und inwiefern es Unterschiede gibt, je nachdem ob wir am Smartphone oder in einem Buch lesen. Das werde laut Alexander Schuster in der aktuell laufenden Gesundheitsstudie untersucht. Er weist aber darauf hin, dass beispielsweise Kindern empfohlen wird, täglich ein bis zwei Stunden draußen zu verbringen, um die Augen zu schonen und auch zu trainieren. 

"Die Leuchtdichte im Freien ist deutlich höher als in Räumen, selbst mit großen Fenstern."
Alexander Schuster, über die Ergebnisse der Gutenberg Gesundheitsstudie

In China ist Kurzsichtigkeit ein großes Thema – gerade bei Kindern. Es gibt Regionen, in denen 90 Prozent der Menschen eine Brille brauchen. In vielen Schulen ist es für Kinder Pflicht, auch Zeit draußen bei Tageslicht zu verbringen. Laut Alexander Schuster konnte in asiatischen Studien gezeigt werden, dass die Zunahme der Kurzsichtigkeit durch vermehrten Aufenthalt im Freien zum Teil aufgehalten werden kann. Eine weitere Maßnahme in Schulen sind Stangen an den Tischen, die einen zu kurzen Leseabstand verhindern sollen.

Schulkinder in China.
© dpa
Schulkinder in China. Spezielle Stangen sollen zu kurzen Leseabstand verhindern.

Gründe für Kurzsichtigkeit

Selbst wenn wir durch gezieltes Training wie Augen schließen und mit den Augen achten rollen, oder bewusstes Weitgucken die Augen entlasten, bei vielen kommt die Kurzsichtigkeit. "Meist bis zum dreißigsten Lebensjahr", sagt Rebekka Locke vom Kuratorium Gutes Sehen. Sie führt mehrere Gründe an, die unsere Kurzsichtigkeit und weitere Probleme beim Sehen begünstigen:

  • Zu viel Nahsehen 
  • Zu wenig Tageslicht
  • Displays mit LED-Technik (Blaulicht)
  • Fehlendes Blinzeln

Das Nahsehen rege laut Rebekka Locke den Augapfel an, über das normale Maß hinaus in die Länge zu wachsen – und ein zu langer Augapfel verursache Kurzsichtigkeit. Zu wenig Tageslicht und zu viel Kunstlicht hätte außerdem negative Folgen für unser Sehen. Und ein Problem, an dem viele von uns wohl nicht vorbei kommen werden, ist das viele und lange Arbeiten an Bildschirmen. Displays mit LED-Technik haben Hintergrundbeleuchtung mit einem hohen Anteil an Blaulicht, sagt Rebekka Locke. Dieses Blaulicht gelange fast ungehindert ins Auge bis zur Netzhaut.  

"Wer lange auf Computermonitore oder Smartphones schaut, nimmt viel Blaulicht auf. Die Wirkung ist ähnlich wie die der Sonne beim Sonnenbrand."
Rebekka Locke, Kuratorium für Gutes Sehen

Beim Starren auf Bildschirme schaden wir unseren Augen ebenfalls dadurch, dass wir zu wenig Blinzeln. Dadurch wird das Auge nicht genügend mit Tränenflüssigkeit versorgt und trocken – was wiederum zu müden und gereizten Augen führe. 

Optiker Michael Franz Breuer kennt das Problem. Er sagt, immer mehr Menschen mit trockenen Augen landen bei ihm auf dem Stuhl. Das gebannte Starren sei das Problem – gerade abends auf der Couch, wenn man noch mal das Tablet rausholt.

Spezielle Brillengläser für Bildschirme

Immerhin, die Branche hat das Problem mit den Bildschirmen erkannt. Inzwischen gibt es Angebote speziell für junge Augen, sagt Rebekka Locke. 

"Spezielle Gläser für die Nutzung digitaler Geräte inklusive Blaulichtfilter sorgen für gesünderes und entspannteres Sehen. Das ist auch für Gamer interessant."
Rebekka Locke, Kuratorium für Gutes Sehen

Eine zweite Konsequenz, die die Brillen-Branche daraus gezogen hat, dass wir immer mehr Brillenträger werden: Das Angebot der Brillenfassungen ist in den letzten Jahren deutlich größer geworden. Längst ist die Brille nichts mehr, wofür man sich schämen müsse, sagt Optikerin Wiebke Wansart: "Viele, die zum Beispiel beim Sehtest für den Führerschein erfahren, dass sie eine Brille brauchen, sagten 'Super, wo ist sie'?"

Trends bei Brillen: auffällig, rund, bunt oder gold

Brillenbloggerin Sandra Walzer trägt Brille, seit sie 20 ist. Auch bei ihr ging es mit einer leichten Kurzsichtigkeit los. Inzwischen hat sie 14 Modelle, von denen sie 12 regelmäßig trägt. 

Sandra Walzer ist Brillenbloggerin und hat selbst 14 Brillenmodelle.
© Sandra Walzer
Brillenbloggerin Sandra Walzer

Trends derzeit seien große, auffällige Brillen, gerne bunt und rund oder neuerdings auch gold, sagt Sandra Walzer. Als Brillenfräulein bloggt sie über alle Aspekte, die ihr im täglichen leben im Zusammenhang mit dem Brilletragen auffallen. Von Neu-Brillenträgern werde sie oft gefragt, wie man die Gläser sauber bekommt. Ihre Antwort lautet dann immer "nein", sagt sie, und lacht. 

Durch Social Media ist Brille Mittel zum Selbstausdruck geworden

Den Eindruck von Optikern, dass die Brille ein Modeaccessoire geworden ist, kann sie bestätigen. Sandra Walzer hat in den letzten Jahren beobachtet, dass sich unser Bezug zur Brille verändert hat. Als Grund dafür nennt sie Social Media. Gerade bei Instagram in den Stories falle ihr immer häufiger auf, dass gerade junge Menschen die Brille zum Selbstausdruck benutzen. Das sei mit der Ära der Selfies entstanden.  

"Vor allem in den Stories kann man mit der Brille spielen. Wenn wir uns die Filter anschauen zum Beispiel, mit Hundenasen und Hasenohren, das ist ja auch dieses: 'Ich setze mir was ins Gesicht'."
Sandra Walzer, bloggt als Brillenfräulein über Brillen

Sandra Walzer fragt sich allerdings, was die Beweggründe für die Selbstinszenierung mit Brille sind. Aus ihrer Sicht könne es sein, dass man sich dahinter versteckt, eine Art Schutzwall zur Außenwelt aufbaut – auf der anderen Seite könne es aber auch sein, um sich zu zeigen, sagt sie. Ihr Fazit lautet jedenfalls: Früher ging's ums Sehen, heute ums Aussehen. 

"Früher ging es ums gute Sehen, heute geht es ums Aussehen."
Sandra Walzer, bloggt als Brillenfräulein über Brillen

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