Es gilt als größtes No-Go am Arbeitsplatz, passiert aber immer wieder: Flirten mit den Kollegen. Scheitert die Liebe, kann das aber unangenehm werden – für alle Beteiligten.

Acht, neun, zehn Stunden im gleichen Büro sitzen, an denselben Themen arbeiten, in dieselbe Kantine gehen, gemeinsam über Kollegen lästern – eigentlich logisch, dass Flirten auf der Arbeit so beliebt ist. Denn nirgendwo anders lernen sich Menschen so schnell und einfach kennen. Doch die Affäre im Büro kann auch böse enden.

Marie beginnt eine Ausbildung, lernt dort einen älteren Kollegen kennen, sie tauschen Nummern. Aus einem gemeinsamen Kinobesuch wird eine monatelange Affäre. Manche Kollegen tuscheln, doch viele ahnen nichts, erzählt Marie bei "Ab21". In der Arbeit treffen sie sich heimlich im Keller – denn niemand soll sie erwischen.

"Auf der Arbeit sind wir ganz normal miteinander umgegangen. Und wenn wir uns im Keller getroffen haben, dann hat das natürlich kein anderer Kollege mitbekommen."
Marie bei "Ab21"

Flirten im Büro

Auch wenn Flirten am Arbeitsplatz für viele ein Tabu-Thema ist, passiert es immer wieder. Laut einer Umfrage, hatten jeder fünfte Mann und jede zehnte Frau schon mal einen One-Night-Stand mit einer Kollegin oder einem Kollegen – geknutscht unter Kollegen hat immerhin ein Drittel aller Befragten. Für Psycho- und Paartherapeut Wolfgang Krüger ist das keine Überraschung. Liebe am Arbeitsplatz mache Sinn, sagt er, denn Kollegen teilen eine Lebenswirklichkeit. Dadurch entstehe eine Verbundenheit.

"Wir verlieben uns in Menschen, denen wir etwas zu erzählen haben. Viele Lehrer sind mit Lehrern zusammen. Viele Ärzte mit Ärzten. Insofern macht die Liebe im Büro schon Sinn, weil da viel Lebenswirklichkeit ins Schwingen kommt."
Wolfgang Krüger, Psycho- und Paartherapeut

Viel geflirtet wird vor allem in den Bereichen Marketing, im Vertrieb und in der Verwaltung. Flirt-Muffel sind dagegen Mitarbeiter in der IT-Branche, zeigt eine Umfrage des Netzwerkes XING. Doch nicht immer wird aus einem Flirt in der Arbeit mehr: Auch Marie verliebte sich in ihren Kollegen, ein Paar ist aus ihnen nie geworden. Die Affäre ist jetzt schon länger vorbei, doch aus dem Weg gehen, kann sie ihrem Ex-Geliebten nicht. Die beiden sehen sich noch immer – jeden Tag bei der Arbeit. Für Marie ist das "absolut beschissen", sagt sie.

"Es gibt nichts Schlimmeres als jeden Tag zur Arbeit zu gehen und zu wissen: Da ist diese Person, die man am liebsten gar nicht sehen will."
Marie bei "Ab21"

Für Karriereberaterin Jutta Boenig ist Flirten am Arbeitsplatz kein Tabu, aber es sei Vorsicht geboten. Denn scheitert die Liebe, kann es Auswirkungen auf die Kollegen, das Arbeitsklima und vor allem auf die Beteiligten haben. Die Verlierer seien meistens Frauen, die Gewinner die Vorgesetzten, sagt Jutta Boenig.

"Wenn zwischen hierarchisch höher stehenden Personen und Mitarbeitern eine Liaison existiert und es kommt raus, dann ist es tatsächlich auch immer noch so, dass die hierarchisch unten stehende Person geht und nicht der Vorgesetzte."
Jutta Boenig, Karriereberaterin

Kündigungsgrund: Affäre am Arbeitsplatz

Eine Affäre am Arbeitsplatz kann noch viel weitreichendere Konsequenzen haben, wie etwa für Steve Easterbrook. Mehr als 20 Jahre lang hat er als Führungskraft einer amerikanischen Fast-Food-Kette gearbeitet. Jetzt wurde ihm gekündigt. Der Grund: Er hatte eine Affäre am Arbeitsplatz. Rechtlich ist das möglich, denn in den USA müssen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen oft einen sogenannten "Code of Conduct" unterschreiben – eine rechtsbindende Klausel im Arbeitsvertrag, die private Kontakte oder Beziehungen zwischen Mitarbeitern einschränkt oder sogar verbietet. In Deutschland gibt es das nicht, sagt Nele Urban, Rechtsanwältin für Arbeitsrecht. Denn das wäre ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte.