Das ist der Zeitpunkt für das "Buch gegen das Verschwinden“ von Ulrike Almut Sandig. In sechs Geschichten verschwindet etwas, aber nie ganz und gar. Klingt ein bisschen nach Physikunterricht, aber auch nach Lebensphilosophie. Auf jeden Fall aber nach Hoffnung für Dein Schlüsselproblem.

Eine Mutter sitzt vor dem Fernseher und sieht die Tagesschau. Da läuft ein Bericht aus Istanbul. Ein italienischer Pianist spiele schon seit Stunden im Gezi-Park für den Frieden. Ihm sei es zu verdanken, dass an diesem Tag nicht geschossen wurde, heißt es da. Kameras fangen die Gesichter vieler Menschen ein, Gesichter von Demonstranten, Polizisten und Journalisten.

Im Hintergrund flimmert plötzlich ein Gesicht über den Bildschirm, das der Mutter bekannt vorkommt. Ist das nicht? Ja, es ist ihre Tochter, die da in der Menge steht. Doch sie sieht ganz anders aus als gewohnt. Sie trägt einen Herrenmantel, und so etwas wie einen Bart. Oder doch nicht?

Geschichten die uns in einem Netz von Grübeleien verheddern

Ein junger deutscher Journalist steht tatsächlich im Gezi-Park und hört dem italienischen Pianisten zu. Eine Woche hat er für seinen Artikel Zeit, 27.000 Zeichen muss er zu Papier bringen. Aber er ist nicht bei der Sache. Er stellt sich vor, wie er gefilmt wird, und ihn seine Mutter in Deutschland in der Tagesschau erkennt – und sich wundert.

Wie sich auch die Männer im Hamam über den breiten Verband um die Brust des Mannes wundern. Denn er hat sich seinen Busen abgebunden, seine Stimme klingt nach der Hormonbehandlung wie kurz nach dem Stimmbruch, und der Bart ist noch ein Flaum.

„Die blauen Augen deiner Mutter“ ist eine von sechs Geschichten im „Buch gegen das Verschwinden“ von Ulrike Almut Sandig.