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"Die Middlesteins" von Jami Attenberg erzählt die Geschichte von Edie und Richard. Die beiden kennen sich seit 35 Jahren. Doch Häppchen für Häppchen wird Richards Frau ihm langsam fremd: Denn sie ist fresssüchtig.

Es hat eine Zeit gegeben, da hat Richard gehofft, dass es nur eine Phase ist - diese nächtliche Schleicherei und zügellose Fresserei seiner Frau. Eine Phase, die irgendwann vorüber ist. Und nach der Edie wieder die alte ist: Die Edie mit den dunklen, wütenden Knopfaugen, die Edie, die sich durchzusetzen weiß, zuhause und in der Kanzlei, die Edie, die gerne arbeitet und gerne isst.

Er fand nie, dass sie zu dick war. Sie war einfach Edie mit Rundungen. Und dann war sie plötzlich die, die sie jetzt ist: Eine fresssüchtige, fette Frau, die nichts unternimmt und ständig auf ihm herumhackt. Eine Frau, die sich häppchenweise umbringt - und ihn gleich mit. 

Richard reicht's

Und so ist es ihm herzlich egal, als sie sich vor ihrer ersten großen OP, bei der ihr ein Röhrchen in die Adern im Bein geschoben werden soll, entgegen der Anordnung ihrer Ärzte zum Kühlschrank schleicht.

"Die Middlesteins" von Jami Attenberg ist ein Roman über eine jüdische Familie, die in einem Vorort von Chicago lebt. Im Zentrum steht Edie: Mutter, Gattin, Anwältin, Nachbarin, Glaubenschwester, Frau. Und in allem war sie gut. Doch irgendwann verschwand diese Edie, die herzliche Mutter, die liebende Gattin, die knallharte Anwältin. Irgendwann nahm sie sich nicht mehr als Frau war, sondern als wildes Tier, das seine Beute ins Gebüsch ziehen und in Ruhe zerlegen will.

"Edie muss immer etwas essen. Wenn sie eine Burgerbude betritt, saugt sie den Mief dort ein, als wäre es der Geruch von einem frischgebadeten Babykopf. Sie kann nicht aufhören. Und sie will nicht aufhören. Essen ist ihr Versteck."
Lydia Herms

Richard macht das nicht mehr länger mit. Die neue Wohnung hat er bereits angemietet und mit Möbeln eingerichtet. Jetzt muss er es Edie nur noch sagen. Und dann wird es beiden besser gehen, so stellt er es sich vor. Aber er irrt.

Und weil es keinen günstigen Zeitpunkt für eine Trennung nach fast 40 Jahren Ehe gibt, wählt Richard den ungünstigsten: kurz vor einer weiteren Operation, dieses Mal an dem anderen Bein. Er nimmt nichts mit. Er sagt es und er geht. Schalom.

Das Buch:

Jami Attenberg - Die Middlesteins, erschienen bei Schöffling & Co. Übersetzt von Barbara Christ.