Manche Bücher wirken auf den ersten Blick nicht wirklich cool: Das Cover ist komisch, der Titel unbequem, der Klappentext nichtssagend, die Sprache ungewohnt. Dann fangt ihr an zu lesen und könnt nicht glauben, wie so ein unscheinbares Buch so fantastisch sein kann. So ging es unserer Autorin Lydia Herms mit "Knochenpalast" von Andrzej Bart.

Sabina steht in der Küche und bereitet den Tee zu. Sie trinken ihn mit Himbeersaft, gewöhnlich als Gemisch. Doch an diesem Abend gönnt sich Sabina ein mit dem süßen Saft randvoll gefülltes Weinglas. Sie hält es in der einen Hand, mit der Absicht es gleich in einem Zug zu leeren. In der anderen Hand hält sie ihren "Schatz" - eine Ein-Dollar-Münze, aus purem Gold.

Ihr Großvater hatte sie in Sibirien von einem amerikanischen Pelzhändler geschenkt bekommen. Ob sie viel wert ist, weiß Sabina nicht. Dass sie sie nach dem neuesten Dekret der Regierung eigentlich sofort abgeben müsste, weiß sie hingegen ziemlich genau. Doch sie entscheidet sich dafür, die Münze zu verstecken - schluckt sie, spült mit Himbeersaft nach.

"Knochenpalast" ist auf den ersten Blick kein sonderlich attraktiver Titel - noch dazu, weil die Novelle im polnischen Original "Rewers" heißt, auf Deutsch "Kehrseite". Und damit ist die Kehrseite einer Medaille gemeint, die für das Gute im Bösen steht, oder umgekehrt."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Autorin

Es ist das Jahr 1952 - ein hartes, aber kein furchtbares Jahr für Sabina, ihre Mutter und ihre Oma. Sie leben beengt, aber gemütlich in einer kleinen Zweizimmerwohnung im zerbombten Warschau. Sabina ist 29 Jahre alt und arbeitet als Lektorin in einem Verlag. Nach außen hin wirkt sie verlegen, bisweilen farblos. Für den Geschmack ihrer Oma lächelt sie zu selten - deswegen klappt's natürlich auch nicht mit den Männern.

Sabrina scheint nur unscheinbar

Eines Abends nimmt Sabina auf dem Heimweg eine Abkürzung über ein Trümmerfeld. Plötzlich sind zwei Männer hinter ihr her, sie brüllen und zerren an ihr. Sie hat Angst. Aber: Mit einem Mal steht ER da, wie in einem Kinofilm. Ein Mann in einem hellen Trenchcoat. Er lässt ein paar strenge Sprüche vom Stapel und verpasst einem der beiden Räuber eine blutige Nase.

Er hat sie gerettet. Sein Name ist Bronislaw. Er kauft ihr Rosen. Und er stellt viele Fragen. Für Sabinas Mutter ist das kein Thema. Die Oma ist da schon skeptischer: Irgendwas stimmt nicht mit dem Vogel. Ist es wirklich Sabina, die er will? Oder hat er ganz andere Pläne? Welche das auch sein mögen, es sei verraten: Sie gehen leider nicht auf. In Sabina steckt mehr, als er ahnen kann…

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Andrzej Bart ist Filmschaffender und einer der wichtigsten polnischen Schriftsteller der Gegenwart. Für seinen Debütroman "Rien ne va plus" wurde er mit dem renommierten Kościelski-Preis ausgezeichnet. Das Buch "Knochenpalast" wurde verfilmt und war Polens Beitrag für den Oscar 2009.

"Knochenpalast" (im Original: "Rewers") von Andrzej Bart, aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt von Albrecht Lempp, erschienen bei Schöffling & Co., 185 Seiten, 2014.