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Die Welt geschrumpft auf die Größe eines Dorfes mit rund 200 Einwohnern – das ist das Experiment, dass Karen Köhler in ihrem Romandebut "Miroloi" wagt.

Der Roman "Miroloi" handelt von dem Mädchen ohne Namen. Sie ist ein Findelkind – keiner weiß, wessen Kind sie ist. Sie ist sechzehn Jahre alt und kann von allen Dorfbewohnern zu Arbeitseinsätze gerufen werden. Die Bewohner glauben zugleich, dass sie für alles Böse steht, was es gibt, dass sie Katastrophen und Schande über alle bringen kann.

Die Dorfbewohner beschimpfen, bespucken und bedrängen das Mädchen ohne Namen. Nur wenige der Dorfbewohner schützen sie oder stehen ihr zur Seite. Sofia, die alte Wirtin Mariah und der Betvater, der das Findelkind gefunden hat, als sie ein Baby war.

Miroloi bedeutet Trauerlied. Die Frauen des Dorfes singen es für die Verstorbenen. Das Lied erzählt in vielen Strophen vom Leben der Verstorbenen. Der Roman ist auch eine Art Totenlied und gleichzeitig eine Parabel über unsere Welt, sagt Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin.

"Der Roman ist ein Totenlied und gleichzeitig eine Parabel über unsere Welt."
Lydia Herms, Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin

Leben in einhundertachtundzwanzig Strophen

"Miroloi" beschreibt in einhundertachtundzwanzig Strophen das Leben des Mädchens ohne Namen. Es beschreibt die Gewalt, die es erfährt, durch die Kinder, die es bespucken, durch die bösen Blicke und abschätzigen Handbewegungen der alten Frauen. Es beschreibt die Familien im Dorf und ihre Konflikte, den Alltag auf den Feldern und in den Gärten, die Feste und Rituale, die Gesetze und Strafen, und natürlich die Natur, in der sie alle leben.

Die 30 Dorfgesetze regeln das Leben

Der Roman zeichnet den wachsenden Unwillen des Mädchens nach, ohne Namen leben zu müssen, ohne Rechte, nur als Dienerin des Dorfes und gleichzeitig als Außenseiterin. Es legt seinen Wunsch offen, Lesen und Schreiben zu lernen, was nur den Männern im Dorf vorbehalten ist. Der Betvater weiß, dass sein "Findling", wie er das Mädchen liebevoll nennt, mehr verdient, aber ihm sind die Hände gebunden: durch die Gesetze, durch die Ältesten, die die Gesetze hüten, durch den Glauben an drei Götter und durch seine Stellung im Dorf.

Heimlich gewährt der Betvater dem Mädchen Freiheiten. Er kontrolliert nicht, was es tut. Er lässt es laufen, wohin es will. Er zeigt ihm seine Bücher. Er erklärt ihm, dass die Blinker am Himmel keine Zeichen der Götter sind, sondern Flugzeuge mit Menschen darin vom Festland. Er erklärt dem Mädchen, dass es ein "Drüben" gibt, vor dem man sich fürchten muss.

Er ahnt, dass er damit eine Katastrophe heraufbeschwört, aber vielleicht gelingt dem Mädchen mit seiner heimlichen Hilfe, was ihm oder Sofia oder Mariah nie gelingen wird – das Dorf zu verändern, die Gemeinschaft zu öffnen und andere Frauen zu stärken.

"Miroloi" von Karen Köhler, Hanser, 462 Seiten, gebundene Ausgabe/ Hardcover: 24 EUR, E-Book: 17,99 EUR, Hörbuch-CD: 18,99 EUR, Hörbuch-Download: 15,78 EUR, oder kostenpflichtig streamen bei Spotify oder Audible, verlegt von tacheles!/ROOF Music, gelesen von Karen Köhler; ET: 19.08.2019