Im Kampf um Hörer führen Musikindustrie und Radiomacher seit Jahren einen Kampf um die Lautheit - den "Loudness War". Mit Hilfe von Spotify könnte der vielleicht bald vorbei sein.

Bis zu den späten 80er-Jahren wurde Musik dynamisch produziert. Heißt: Der Kontrast zwischen lauten und leisen Klängen war sehr groß. Ein Drum-Beat klang so zum Beispiel sehr klar und sauber. Doch das hat sich geändert.

Um im globalisierten Musikmarkt aufzufallen, wollten Labels mit ihren Künstlern herausstechen - auf Kosten der Dynamik. Deshalb wurde die Musik immer lauter. Dabei hat sich gar nicht die Lautstärke verändert, sondern die Lautheit.

Unterschied Lautstärke und Lautheit

Holger Schulze, Professor für Musikwissenschaft an der Uni Kopenhagen und Sound-Studies-Forscher, sagt: "Lautstärke ist eine strikt physikalisch messbare Kategorie. Aber nicht alles das, was sich physikalisch messen lässt, hört sich auch genau so an. Lautheit dagegen ist eine Kategorie, die beschreibt, was wir tatsächlich hören. Und das kann sehr anders sein, als das, was tatsächlich physikalisch ausgesendet wird."

Das sei durch unseren Hörapparat und unser individuelles Hörtraining bedingt:

"Die Lautheit spielt damit, dass es gewisse akustische Phänomene und Täuschungen gibt, die Aufzeichnungen lauter erscheinen lassen können, als sie eigentlich sind."
Holger Schulze, Professor für Musikwissenschaft und Sound-Studies-Forscher

Die Strategie: Die Musik wird bei der letzten Bearbeitung so komprimiert, dass sie noch lauter klingt. Die leisen Passagen werden einfach verstärkt, der Pegel also künstlich angehoben – die extremen Spitzen werden gekappt.

Schwups, hört sich der Song insgesamt deutlich lauter an, sagt Holger Schulze. Das hat sich irgendwann etabliert und zu einem Krieg um die Lautheit entwickelt: zum "Loudness War".

Grenze maximal ausreizen

"Kriegstreiber" ist für viele dabei die EU-Gehörschutz-Verordnung EN 50332. Die bestimmt, mit welcher maximalen Lautstärke wir Musik z.B. über unser Smartphone oder Tablet hören können. Die Produzenten wollten diese Grenze maximal auszureizen. Die Konsequenz: Alles klingt gleich.

Die Video- und Musikstreamingdienste wollen das ändern. Nach YouTube, Tidal und Apple-Music senkt jetzt auch Spotify die Lautheit freiwillig, indem die durchschnittliche Lautstärke um drei Dezibel reduziert wird. Sehr laut produzierte Stücke werden so einfach leiser gemacht - und zur Not geköpft. Musikprdouzent Keshav Purushotham ist darüber erleichtert:

"Ein Glück, jetzt muss ich nicht mehr alles künstlich so hochproduzieren, um irgendwie mithalten zu können, sondern kann mich wieder auf mehr auf die Dynamik konzentrieren und die leisen Passagen atmen wieder mehr. Das macht unsere Musik ja auch aus."
Keshav Purushotham, Musikproduzent, DJ und Sänger

Purushotham hofft, dass die Entscheidung von Branchenführer Spotify den "Loudness War" im Internet beenden wird. Im Radio wird der allerdings noch ausgefochten. Die Sender versuchen sich beim akustischen Druck von Musik gegenseitig zu überbieten. Und auch Werbeblöcke sollen oft herausstechen. Kennt jeder: Nach einer Moderation die Lautstärke runterdrehen, weil die Musik so viel lauter ist. Aber auch hier gibt es Vorschläge, das zu ändern.