Früher ein No Go, heute fast schon ein Muss: Dass Väter im Kreißsaal dabei sind, war vor einigen Jahrzehnten noch ein Unding. Inzwischen werden Väter, die bei der Geburt ihres Kindes nicht dabei sein wollen, eher mal schief angeguckt. Dabei sind sie für die Gebärende nicht immer eine Hilfe. Und traumatisierend kann so eine Geburt für Mütter wie auch Väter sein, selbst, wenn sie aus Sicht der Ärzte und Hebammen ohne Komplikationen verläuft.

Elifs Mann war im Kreißsaal dabei und das hat sie stinksauer gemacht. Die Geburt dauerte 16 bis 20 Stunden, und ihr Mann ist irgendwann vor lauter Müdigkeit eingeschlafen. Elif, die vor lauter Angst, Adrenalin und Aufregung in keiner Sekunde ans Schlafen denken konnte, war wütend, als ihrem erschöpften Mann die Augen zufielen, erzählt sie unserem Reporter Linus Lüring. Die Hormone, die während der Geburt freigesetzt wurden, taten ihr übrigens, sagt Elif. Wofür sie sonst vielleicht Verständnis gehabt hätte, nahm sie ihrem Mann bei der Geburt ihres Kindes ziemlich übel. Jetzt, mit einigem Abstand versteht sie besser, wieso ihr Mann nicht wach bleiben konnte.

"Für den Menschen, der nicht unter Hormonen ist, sind da 16 bis 20 Stunden. Und dann hat er irgendwann geschlafen. Ich hab das überhaupt nicht verstehen können, warum er nicht genauso aktiv bei der Geburt ist, wie ich es bin."
Elif konnte nicht fassen, dass ihr Mann während der Geburt des gemeinsamen Kindes einschläft.

Inzwischen gilt es als selbstverständlich, dass Männer ihren Frauen bei der Geburt beistehen. Wer das infrage stellt, bekommt auch schon mal extreme Reaktionen und viel Gegenwind von werdenden Müttern, weiß auch Martin Kalmbach, Berater beim Hamburger Verein "Väter". Für die Bindung zwischen Vater und Kind sei es zwar wichtig, dass die Männer dabei sind, aber für ihn ist es aber auf keinen Fall ein Muss.

Gesellschaftlicher Druck, die Geburt mitzuerleben

Die Erwartung von Frauen, dass ihre Männer im Kreißsaal dabei sein müssen, hält er für eine Art Gruppendruck, der in den vergangenen 15 bis 18 Jahren entstanden sei. Martin Kalmbach sagt, dass es in der Menschheitsgeschichte kein Beispiel einer Hochkultur gab, bei der es üblich gewesen wäre, dass Väter dabei anwesend sind.

"Wenn ich jetzt sage, dass es problematisch ist, wenn Väter dabei sind, bei der Geburt, dann ernte ich großen Gegenwind. Wenn ich mit so einer These komme, dann werde ich fast angegriffen in der Runde der Geburtsvorbereitung."
Martin Kalmbach, Berater beim Hamburger Verein "Väter"
Ein Vater schneidet die Nabelschnur seines Kindes durch.
Die Nabelschnur des eigenen Kindes selbst zu kappen - nicht jeder Vater möchte diesen Moment gerne erleben.

Geburt kann traumatisieren

Ina Rühl ist Oberärztin im Rotkreuzklinikum München, Abteilung Geburtshilfe. Sie sagt, dass es zwar nicht oft vorkommt, aber dass sie auch schon traumatisierte Väter erlebt habe, selbst, wenn die Geburt unproblematisch gelaufen sei. Nicht jeder scheint diesem Stress gewachsen zu sein. Ein Grund dafür, dass Männer im Kreißsaal dabei sind, die das eigentlich gar nicht möchten, sieht die Ärztin darin, dass es Paaren vor der Geburt schwerfalle, ein offenes Gespräch zu führen.

Für die Oberärztin selbst war es sehr schnell klar, dass sie ihren eigenen Mann bei der Geburt ihrer Tochter nicht unbedingt dabei haben wollte. Sie dachte einfach, dass ihre Schwester sie besser dabei unterstützen könnte. Nicht jedem fällt es leicht, dem eigenen Partner so etwas zu sagen.

"Es ist nicht häufig, dass wir traumatisierte Männer erleben. Aber das gibt es schon auch. Und das ist nicht unbedingt eine Geburt, die wir als traumatisch erleben, weil es ein schlimmer Geburtsverlauf war."
Ina Rühl , Oberärztin im Rotkreuzklinikum München, Abteilung Geburtshilfe

Unser Reporter Linus Lüring konnte keinen Mann finden, der öffentlich darüber sprechen wollte, dass er die Geburt des eigenen Kindes nicht miterleben wollte. Oberärztin Ina Rühl, die schon Tausende Geburten begleitet hat, überrascht das nicht. Sie glaubt, dass es den meisten nicht gelingt, mit ihrer Partnerin über bestimmte Ängste zu sprechen.

Elif, deren Mann bei der Geburt des gemeinsamen Kindes eingeschlafen ist, geht die ganze Sache inzwischen lockerer an. Sie sagt, dass sie ihren Mann gerne wieder im Kreißsaal dabei hätte. Und, dass es nicht sein Fehler sein müsse, wenn etwas schiefläuft oder er nicht weiter weiß.

"Als ich mir Gedanken gemacht habe, hab ich mir gedacht, ich möchte lieber meine Schwester dabei haben. Das man einfach mal, überlegt, ob man das anders haben möchte. Warum eigentlich nicht?"
Ina Rühl , Oberärztin im Rotkreuzklinikum München, Abteilung Geburtshilfe