Journalistinnen und Journalisten lieben das Storytelling, das Geschichtenerzählen – ihr Publikum auch. Muss jedes Detail stimmen? Was ist Wirklichkeit und was ist nur wirklich gut erzählt? Die Medienwissenschaftler Tanjev Schultz, Tobias Eberwein und Wolfgang Schulz über ethische Fragen im Journalismus.

Wie können wir erkennen, ob ein Zeitungsbericht stimmt oder ein Post im Netz die Tatsachen verfälscht? Muss wirklich alles an einer Geschichte genau so gewesen sein oder dürfen Journalisten manches ein bisschen ausschmücken?

Um solche Fragen ging es auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik. Wir haben drei Vorträge für euch ausgesucht: Über Wahrheit und Fälschung, Fake News und seriösen Journalismus.

"Es geht darum, die Dinge so darzustellen, wie sie sind."

Alles, was ich schreibe, ist von meiner persönlichen Sicht auf die Dinge geprägt. Ist da objektive Berichterstattung überhaupt möglich? Tanjev Schultz ist Professor für Journalistik an der Universität Mainz. In seinem Vortrag geht es um grundsätzliche philosophische Fragen nach Subjektivität und Objektivität.

Was ist zum Beispiel mit journalistischen Formen, die an sich subjektiv sind, ein Kommentar zum Beispiel? Müssen diese Formen auch objektive Elemente enthalten?

"Hat das Kind wirklich gesungen? Und wenn ja, welches Lied?"

Der Journalist Claas Relotius wurde für seine großartigen Reportagen und ihre dichte Symbolik bewundert. Er arbeitete als freier Journalist und später als festangestellter Redakteur beim Magazin Der Spiegel. Im Dezember 2018 machte das Unternehmen öffentlich, dass Claas Relotius viele seiner Reportagen teilweise oder ganz erfunden hatte.

Großes Interesse an Storytelling

Tobias Eberwein ist Medienwissenschaftler. In seinem Vortrag untersucht er die Ursachen für Claas Relotius Betrug und benennt viele unterschiedliche Faktoren: Relotius selbst, die Spiegel-Redaktion. Vielleicht aber hat es auch eine Rolle gespielt, dass das Geschichtenerzählen, das Storytelling im Journalismus, so beliebt ist.

"Ist auch eine Verwendung fiktiver Stilmittel zulässig? Wo sind da die Grenzen zur Fälschung?"

Die Informationen, die wir heute im Netz finden, werden nicht mehr allein von Menschen erzeugt. Algorithmen und künstliche Intelligenz schaffen Inhalte, für die kein einzelner mehr verantwortlich ist. Das wirft schwierige rechtliche Fragen auf. Falschinformationen können beispielsweise durch automatisierte Computerprogramme entstehen und verbreitet werden.

Automatismen und Ethik

Schaden richten sie im echten Leben an, etwa bei rassistischen Inhalten. Wer wird dafür zur Rechenschaft gezogen? Das Computerprogramm? Der Programmierer? Diesen Fragen geht Wolfgang Schulz in seinem Vortrag nach. Er ist Verfassungsrechtler und Direktor des Leibniz-Instituts für Medienforschung in Hamburg.

Tanjev Schultz' Vortrag hat den Titel "Der Reporter-Blick von nirgendwo? Journalismus in der Spannung zwischen Subjektivität und Objektivitätsanspruch".

Tobias Eberweins
Vortrag hat den Titel "Sagen, was sein könnte: Wahrheit und Fälschung im aktuellen Erzähljournalismus. Medienethische Überlegungen am Beispiel des Falls Relotius".

Wolfgang Schulz
' Vortrag hat den Titel "Automatisiert ans Ende der demokratischen Mediengesellschaft? Die Rolle von Ethik und Recht bei der Regulierung von KI in der öffentlichen Kommunikation".

Alle drei Vorträge wurden am 20.02.2020 auf der Jahrestagung Medien und Wahrheit des Netzwerks Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München gehalten.

Podcast zur Sendung
  • Hörsaal
  • Moderatorin:  Sibylle Salewski
  • Vortragender:  Tobias Eberwein, Institute for Comparative Media and Communication Studies Wien
  • Vortragender:  Wolfgang Schulz, Leibniz-Institut für Medienforschung, Hamburg
  • Vortragender:  Tanjev Schultz, Journalistisches Seminar, Universität Mainz