Vor zwei Jahren ging der Wahnsinn los. In Deutschland wurde am 27. Januar 2020 erstmals eine Person positiv auf das Coronavirus getestet. Den Abstrich damals nahm die Tropenmedizinerin Camilla Rothe. Ihre Entdeckung, dass die Krankheit ohne Symptome übertragbar ist, wurde zunächst ignoriert.

Die Medizinerin Camilla Rothe arbeitet am Tropeninstitut des LMU Klinikums in München. Ende Januar 2020 meldete sich ein Mann, der Sorge hatte, dass er eine Coronainfektion haben könnte.

Meldungen aus China über einen neuartigen Coronavirus und steigende Infektionszahlen waren da schon in der Welt. Man befürchtete, dass der neuartige Virus eine schwere Erkrankung bedeuten würde. Aber man glaubte, dass der Virus nur durch Menschen übertragen würde, die Symptome haben, so Camilla Rothe. "Und unsere Geschichte war sehr anders." Denn die Person, die sich am Tropeninstitut meldete, war atypisch. Der Mann hatte leichte Erkältungssymptome. Nicht unüblich im Januar, so Camilla Rothe.

Portraitfoto der Tropenmedizinerin Camilla Rothe
© Christoph Olesinski I LMU München
Ende Januar 2020 nahm die Tropenmedizinerin einen Abstrich bei einer Person. Dass dies Corona-Fall Nummer eins werden würde, hatte sie nicht gedacht.

Der erste nachgewiesene Coronafall in Deutschland

Beunruhigt war der Mann, der zu Rothe kam, weil zuvor eine Kollegin aus China seine Firma besucht hatte. Es hatte verschiedene gemeinsame Meetings und Besprechungen gegeben. Aber auch die Kollegin aus Schanghai hatte während ihrer Zeit in München keine Symptome. "Sie war während ihres Aufenthaltes hier topfit gewesen", sagt Camilla Rothe. Erst nach ihrer Rückkehr nach Schanghai "hat sie schwere Krankheitssymptome entwickelt. Mit Husten und Fieber."

Dass das Ergebnis des Abstrichs dann positiv ausfiel, war erstaunlich. Und es war klar: "Das ist jetzt Fall Nummer eins in Deutschland", sagt Camilla Rothe.

Und das war brisant, so Camilla Rothe. Nicht allein, weil es der erste nachgewiesene Coronafall war. Sondern weil die Frau aus China die Infektion übertragen hatte, ohne augenscheinlich krank zu sein. Sie hatte keinen Schnupfen, keinen Husten. Nach und nach wurde klar, dass sie aber gleich mehrere Kollegen während ihres Aufenthaltes angesteckt hatte.

"Das hatte Brisanz. Denn das unterschied sich zu dem alten Sars-Virus."
Camilla Rothe, Tropenmedizinerin

Damit war deutlich, dass sich der neuartige Coronavirus von einem früheren Sars-Virus unterschied, der ein paar Jahre zuvor eine Pandemie ausgelöst hatte. Damals waren Menschen erst ansteckend, wenn sie Symptome hatten. "Das war der springende Punkt", sagt Camilla Rothe. Denn man konnte sich nicht sicher sein, ob man infektiös ist oder nicht.

"Man kann ohne Symptome die Krankheit übertragen. Und das hat eine ganz andere Brisanz für jeden Bürger, aber auch für das Gesundheitssystem."
Camilla Rothe, Tropenmedizinerin

Doch diese Entdeckung wurde zunächst ignoriert beziehungsweise zurückgewiesen. Der Vorwurf war, das Institut habe allein mit den Firmenmitarbeitenden in München gesprochen, nicht aber mit der Kollegin in China. Doch die Personen in München bestätigten alle, dass die Frau keine Symptome während ihres Besuches hatte. Deshalb verlief diese frühe Erkenntnis erst einmal im Sande.