Am Anfang der Corona-Pandemie gab es in vielen Städten abends Applaus für die Arbeitskräfte im Krankenhaus und in Pflegeeinrichtungen. Auch die Spendenbereitschaft ist gestiegen. Aber reicht das an Solidarität? Der Theologe Frank Vogelsang ist skeptisch: Zusammenhalt sei Mangelware.

Frank Vogelsang hadert mit einer modernen Welt, in der Formen der Solidarität und des Miteinanders nur noch selten vorkämen, sagt er. Es fehle an gesellschaftlichem Zusammenhalt. Denn: "Das gesellschaftliche Leitbild ist das sich selbst verwirklichende Individuum", sagt der Theologe.

Wachsende Selbstverwirklichung statt Solidarität

Man fühle sich durchaus kurzzeitig verbunden, so der evangelische Theologe. Zu Beginn der Corona-Pandemie standen abends immer wieder Menschen am Fenster oder auf dem Balkon und applaudierten jenen, die zum Beispiel im Krankenhaus arbeiten. Auch bei Spendenaktionen sind viele Deutsche dabei. Doch solche spontanen Hilfsaktionen könnten eine Gesellschaft langfristig nicht stabilisieren, so Frank Vogelsang.

"Für die längerfristige Stabilisierung komplexer Gesellschaften reichen solche spontanen Reaktionen nicht aus."
Frank Vogelsang, Theologe

Frank Vogelsang sieht gleich mehrere Gründe, warum die soziale Verbundenheit in der Gesellschaft abnimmt. In den vergangenen Jahrzehnten hätten viele Institutionen an Anziehungskraft verloren – zum Beispiel Parteien, Gewerkschaften, Kirchen oder Vereine. Stattdessen sei ein "kultureller Mainstream" entstanden – in Deutschland sowie anderen europäischen Ländern –, der auf der Annahme basiere, dass jeder Mensch ein Individuum ist, das sich ungehindert entfalten und entwickeln solle.

Ohne soziale Verbundenheit gehe es nicht

Dieser Mainstream betone die Unterschiede zwischen den Menschen. Das Verbindende komme erst an zweiter Stelle. Trotzdem ist Frank Vogelsang davon überzeugt, dass soziale Verbundenheit eine fundamentale geschichtliche Größe sei, die immer wiederkehre. Schließlich könne kein Mensch ohne die Verbundenheit mit anderen existieren.

Frank Vogelsang ist Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, Bonn. Im Mai 2020 hat er das Buch "Soziale Verbundenheit – Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne" herausgegeben. Ergänzend dazu hat er diesen Hörsaal-Vortrag exklusiv für Deutschlandfunk Nova eingesprochen und bringt damit die wesentlichen Inhalte seiner Publikation in auditiver Form auf den Punkt.