Unsicherheit bestimmt die Debatte – um Rassismus, Politik, Gender. Viele haben den Eindruck, man dürfe heute nichts mehr sagen. Stimmt das? Nein, meint unser Reporter.

Sie sprechen von einem Klima der Intoleranz in den USA: 150 Intellektuelle, Autorinnen und Wissenschaftler haben einen offenen Brief geschrieben, in dem sie davor warnen, dass der freie Austausch von Ideen und Informationen nicht mehr möglich sei. Die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen kommen vor allem aus den USA, aber auch J.K. Rowling, Daniel Kehlmann oder Margaret Atwood sind dabei.

Der Brief richtet sich nicht an das Trump-Lager, sondern an die intellektuelle Linke. In der Diskussion um Rassismus, Gerechtigkeit und Polizeireformen mangele es an Toleranz. Kritik werde nicht zugelassen, abweichende Meinungen herabgesetzt, heißt es.

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Die grundlegende Kritik dahinter ist natürlich nicht neu. Auch in Deutschland wird häufig darüber gestritten, ob zu viel Political Correctness einer offenen Debatte schade, und ob man heute überhaupt noch sagen dürfe, was man denkt.

"Das ist natürlich wirklich eine problematische Entwicklung, dass zum Beispiel, wenn in den USA so eine Frage wie: 'Soll ich Masken tragen oder nicht?' politisiert wird. Und wenn sich an so einer Frage die Zugehörigkeit zu einem politischen Lager beweist oder nicht."
Antje Schrupp, Politikwissenschaftlerin und Journalistin

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin und Journalistin und hat sich
viel damit beschäftigt, was in einer Gesellschaft gesagt werden kann
und was nicht.

Der öffentliche Diskurs wird schärfer

Problematisch findet sie es, wenn inhaltliche Positionen politisiert werden. Dass der öffentliche Diskurs in einem Land wie den USA immer schärfer wird, sieht Antje Schrupp ebenfalls kritisch. Eine Ansicht, die sie aber nicht teilt: Dass man heute viel weniger sagen dürfe als früher.

"Man darf heute sehr viel sagen. Und wenn man mal einen kleinen Blick ins Internet wirft, stellt man fest, dass da ganz viele ganz schreckliche Dinge auch gesagt werden."
Antje Schrupp, Politikwissenschaftlerin und Journalistin

Man dürfe heute sehr viel sagen – man müsse aber mit Gegenwind rechnen, so die Politikwissenschaftlerin. Der Diskurs habe sich pluralisiert. Zu jedem Thema gebe es immer mehrere Meinungen. Darum könne es passieren, dass man "scharf kritisiert wird."

"Man kann heute nichts mehr unwidersprochen sagen, selbst dann nicht, wenn man eine ganz prominente Autorin oder ein Universitätsprofessor ist."
Antje Schrupp, Politikwissenschaftlerin und Journalistin

Schon immer gab es Dinge, die man sagen konnte, und solche, die man
lieber nicht gesagt hat. Denn auch in einer freien Gesellschaft muss es Sätze geben, die nicht toleriert werden, so die Ansicht der Politikwissenschaftlerin.

"Frauen sind prinzipiell dümmer als Männer" – diese Aussage ist nicht akzeptabel. Aber: Vor 200 Jahren war dieser Satz noch wissenschaftlicher Konsens.

Grenzen des Sagbaren verschieben sich

Im Unterschied zu früher, ist es heute vielleicht einfach nicht mehr so leicht herauszufinden, wer denn festlegt, was gesagt werden darf und
was nicht.

Früher haben Autoritäten – Universitäten, große Mainstream-Medien oder berühmte Namen – das bestimmt, meint Antje Schrupp. "Sie konnten relativ sicher sein, dass das, was sie als diskutabel oder als legitim umrissen haben, auch das war, was galt." Mittlerweile habe sich dieser Prozess demokratisiert. Jeder kann und darf argumentieren, was er für sagbar hält. Und so werden neue Ansichten sichtbar.

"Zum Beispiel im Zusammenhang mit der Diskussion um Black Lives Matter, also der Auseinandersetzung mit Rassismus in den USA: Da werden auf einmal Erfahrungen von schwarzen Menschen hineingeholt in einen Diskurs, die bisher in im öffentlichen Diskurs gar nicht sichtbar waren."
Antje Schrupp, Politikwissenschaftlerin und Journalistin

Was gesagt werden darf und was nicht, ändert sich – zur Zeit vielleicht schneller als früher. Das sorgt für Verunsicherung. Menschen, die früher mehr zu sagen hatten, bekommen so den Eindruck, in ihrer Redefreiheit eingeschränkt zu werden.

Dafür werden jetzt auch Gruppen gehört, die vorher kaum eine Stimme hatten. Ihre Redefreiheit wurde größer. Am Ende ist es also einfach eine Frage der Perspektive, ob man heute mehr oder weniger sagen darf als früher.