Michael Bohmeyer und sein Verein schenken Menschen ein Jahr bedingungsloses Grundeinkommen. Ob sich im Leben dieser Menschen etwas ändert und welches Potenzial in dem Konzept steckt, hat er im Interview erzählt.

Michael Bohmeyer wollte wissen, was ein bedingungsloses Grundeinkommen mit den Menschen macht. Deswegen hat er im Sommer 2014 eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und einen Verein gegründet. Jeden Monat verlost der Verein ein Grundeinkommen an 14 Personen: 1000 Euro, jeden Monat, für ein Jahr. 

Rund 1,2 Millionen Menschen machen mit, sagt er, 100.000 davon spenden monatlich – so wird auch der Verein finanziert. Seit Beginn des Projekts haben rund 250 Menschen dieses zeitlich begrenzte Grundeinkommen erhalten.

Egal ob arm oder reich – es passieren bei allen ähnliche Dinge

Nicht alle dieser 250 Menschen kennen Michael Bohmeyer und das Vereinsteam – manche suchen auch gar keinen Kontakt. Aber einige hat er besucht  und ein Buch darüber geschrieben. Eine Erkenntnis dieser Reise: egal ob arm oder reich – es passieren ähnliche Dinge bei den Menschen, die das bedingungslose Grundeinkommen beziehen. 

Dass sie Geld ohne Bedingungen von einer anonymen Masse geschenkt bekommen, scheint wichtig für die Empfänger zu sein. Bei diesen Personen fühle es sich dann so an, als würde man ihr etwas zutrauen, so Michael Bohmeyer.

"Egal wie unterschiedlich sie sind, es sagen alle: Da kommt Geld und es ist das erste Mal, dass ich im Leben das einfach geschenkt bekomme."
Michael Bohmeyer, Initiator von Mein Grundeinkommen e.V.

Das ist kein "moralisch aufgeladenes Geld", sagt Michael Bohmeyer, aber die Leute müssten sich dazu verhalten, Stellung beziehen. Dadurch beginnen sie zu reflektieren: Wie stehe ich zu Geld? Was habe ich eigentlich für eine Tätigkeit? Wie will ich eigentlich leben? Das Ergebnis sei oft, dass die Empfänger selbstsicherer und mutiger seien. Michael Bohmeyer und das Vereinsteam nennen es "das Grundeinkommensgefühl".

Die Menschen, die das Grundeinkommen erhalten, sind sehr verschieden

Beim Losverfahren ist es auch so, dass nicht geprüft wird, ob jemand bedürftig ist, sagt Michael Bohmeyer – Menschen aus allen sozialen Schichten können mitmachen. Daher kommt es, dass zum Beispiel Janek gelost wurde: Er hat das Geld auf dem Konto liegen lassen und in sichere Aktien investiert. Janek ist vergleichsweise privilegiert aufgewachsen und braucht das Grundeinkommen eigentlich nicht.

"Ein Grundeinkommen schafft die Privilegien für alle. Und ja, der Preis dafür ist, dass es zum Beispiel auch die Leute kriegen wie Janek, der es nicht wirklich braucht."
Michael Bohmeyer, Initiator von Mein Grundeinkommen e.V.

Manche Menschen nutzen das Geld auch zum Reisen, so wie Eva: Sie ist zweimal nach Australien gereist. Das ist zwar nicht gut für die Klimabilanz, aber Michael Bohmeyer findet dabei besonders interessant, dass Reisen für die Menschen eine Funktion zu erfüllen scheint: Sie wollen über das Reisen über sich selbst und ihren Konsum lernen.

"Es ist wichtig, den Menschen zu sehen und zu gucken: Welche Verhältnisse bestimmen dieses Verhalten? Warum werden sie, wie sie werden?"
Michael Bohmeyer, Initiator von Mein Grundeinkommen e.V.

Es gibt aber auch Menschen wie Alex, der eigentlich in einer Fabrik am Fließband arbeitet. Durch das bedingungslose Grundeinkommen konnte er auf einmal Produkte konsumieren, die vorher zu teuer waren. Zum Beispiel Konzertkarten – die hat er sich in eine Vitrine gestellt. Für ihn war wichtig, dass er teilhaben konnte am Konsum, damit dieser für ihn entmystifiziert wird, sagt Michael Bohmeyer. Alex hat in einem Artikel geschrieben, dass er verstanden habe, dass es nicht ums Haben, sondern ums Sein ginge – und bewussten Konsum. Genau darauf hofft Michael Bohmeyer: Geld soll kein Mangelgefühl mehr bei den Leuten erzeugen, sie nicht mehr stressen. 

Seine Lieblingsbegegnung: Freddy, lebt seit Jahren von Hartz IV und ist ein sogenannter Reichsbürger. Michael Bohmeyer sagt, er sei froh, dass er zu Beginn der Begegnung nichts von Freddys Ansichten wusste, sonst hätte er ihn vorschnell verurteilt. Freddy sei ein klassischer Industrieverlierer und sehr stolz. Er wolle unbedingt arbeiten, aber fühle sich vom System mit den Ansprüchen gedemütigt. Mit Geld des Grundeinkommens wolle Freddy jetzt aber wieder eine neue Existenz aufbauen.

Politik reagiert nur sehr langsam

Michael Bohmeyer sagt nicht, dass er das Patentrezept gegen die großen Probleme in Deutschland gefunden habe – das betont er mehrmals. Aber durch seine "nicht-wissenschaftlichen Probe", wie er sein Projekt nennt, ist er zuversichtlich: Das bedingungslose Grundeinkommen könnte ein guter Weg sein, langfristig etwas zu verändern.

"Fast alle Menschen in diesem Land haben schon heute 1.000 Euro und mehr. Es geht nur darum, den unteren Teil davon bedingungslos zu machen."
Michael Bohmeyer, Initiator von Mein Grundeinkommen e.V.

Er betrachtet die Diskussion um das Grundeinkommen wie einen Eisberg: Es werde über die sichtbaren oberen zehn Prozent wie Finanzierung, Inflation und Zuwanderung gesprochen, aber nicht über das, was unter der Wasseroberfläche liege. Und das seien eben die anderen 90 Prozent: das Selbstwertgefühl der Leute. Bedingungsloses Grundeinkommen bedeute weniger Stress und mehr Selbstwertgefühl, vielleicht sogar ein neues Gemeinschaftsgefühl, weil Menschen sich nicht mehr ums Geld Gedanken machen müssten.

"Es geht um die Angst, dass man etwas weggenommen bekommt."
Michael Bohmeyer, Initiator von Mein Grundeinkommen e.V.

Es gibt auch Ideen und Modelle, um das Ganze umzusetzen, sagt Michael Bohmeyer: Zum Beispiel gibt es heute schon einen Einkommenssteuerfreibetrag. Das ist der Betrag am Jahresende, den wir nicht versteuern müssen. Eine Idee für das bedingungslose Grundeinkommen wäre, dieses Geld nicht erst am Ende des Jahres als nicht zu versteuerndes Einkommen zu gewähren, sondern am Anfang der Monate im Jahr gestückelt auszahlen. Michael Bohmeyer sagt, dass es sich heute nicht wie ein Grundeinkommen anfühlt, da man erst einmal leisten muss.

"Niemand sollte in Armut leben und das ist der Job dieser Parteien."
Michael Bohmeyer, Initiator von Mein Grundeinkommen e.V.

Der Fortschritt der Politik sei allerdings sehr zäh und langsam – zumindest der Wunsch in manchen Parteien sei da. Michael Bohmeyer ist vorsichtig mit seinen Prognosen, aber nach den Erfahrungen, die er in den letzten Jahren gemacht hat, hofft er, dass das Grundeinkommen bei Problemen wie Ungleichverteilung und auch Klimawandel positiv wirken kann.

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