• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Mit dem Pochen auf das eigene Recht bis zum Wahnsinn hat sich schon Heinrich von Kleist vor über 200 Jahren in seiner Novelle "Michael Kohlhaas" beschäftigt. Ein Vortrag des Literaturwissenschaftlers Rupert Gaderer.

In Heinrich von Kleists Novelle Michael Kohlhaas begehrt der Pferdehändler Kohlhaas gegen Unrecht auf, das er erfahren hat. Er verteidigt sich unermüdlich, schreibt Petitionen, hängt Plakate auf und treibt seinen Kampf schließlich so weit, dass er am Ende zwar sein Recht zugesprochen bekommt, aber zugleich zum Tode verurteilt wird.

"Unser heutiges Wissen über das Querulieren, also das starrköpfige Pochen auf sein vermeintliches oder tatsächliches Recht, ist zutiefst mit dieser rund 200 Jahre alten Novelle verbunden."
Rupert Gaderer, Literaturwissenschaftler

Michael Kohlhaas ist eine literarische Figur aus dem vordigitalen Zeitalter, die heute bemerkenswert aktuell ist. Warum die Geschichte des Pferdehändlers Michael Kohlhaas so stark nachwirkt, erzählt Rupert Gaderer in seinem Vortrag. Er ist Literaturwissenschaftler und hat gerade ein Buch über das Querulieren in der Literatur veröffentlicht.

"Michael Kohlhaas ist die erste Figur der deutschen Literatur- und Mediengeschichte, der vorgeworfen wird, dass sie queruliere."
Rupert Gaderer, Literaturwissenschaftler

Michael Kohlhaas sei der erste "Querulant" der Literaturgeschichte, sagt Gaderer. Er zeigt, wie wir anhand von Kleists Novelle viel über unser heutiges Rechtssystem, über Kommunikation und psychiatrische Diagnosen lernen können.

"Ärzte und Ärztinnen sprechen heute nicht lediglich vom paranoiden Wahnsinn oder vom paranoiden Querulanten-Wahnsinn, sondern auch vom sogenannten Michael-Kohlhaas-Syndrom."
Rupert Gaderer, Literaturwissenschaftler

Wenn heute in Psychiatrien bei Patient*innen ein anormales Rechtsgefühl diagnostiziert wird, dann wird das manchmal auch als Michael-Kohlhaas-Syndrom bezeichnet. Eins der Diagnosekriterien ist das massenhafte Verfassen von Schriftstücken aller Art. Nur dass es sich dabei heute nicht um Briefe und Plakate handelt, sondern um E-Mails, Online-Kommentare und Blog-Beiträge.

"Seine Rechtsforderung ist dermaßen überspannt, dass seine Aktionen in die Sphäre des Wahnsinns eindringen."
Rupert Gaderer, Literaturwissenschaftler

Die Geschichte von Michael Kohlhaas zeigt auch die Probleme auf, die entstehen, wenn unser Rechtssystem durch massenhaft nutzlose Klagen verstopft und lahmgelegt wird. Medien- und Kommunikationswissenschaftler*innen hilft die Novelle zu verstehen, wie ein Einzelner zwar Aufmerksamkeit erzeugen kann, echte Kommunikation aber dennoch fehlschlägt.

Rupert Gaderer hat sein Buch "Querulieren. Kulturtechniken, Medien und Literatur 1700-2000" am 14. Juni 2021 am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen in Gesprächsform präsentiert. Für den Deutschlandfunk-Nova-Hörsaal hat er anschließend eigens einen Vortrag geschrieben und eingesprochen – über die Geschichte des Querulierens in der Literatur und darüber, wie aktuell das Thema bis heute ist.