Mirwais Wakil ist in Afghanistan aufgewachsen. Er hat dort bis 2005 – zum Teil auch unter dem Regime der Taliban – gelebt. Heute ist er Experte für Außenpolitik in Wien.

Mirwais Wakil ist 1990 in Kabul geboren. Er hat die erste Regierung der Taliban erlebt, ebenso wie den Krieg und den Einmarsch der westlichen Truppen unter der Führung der USA im Jahr 2001 – nach den Anschlägen auf das World-Trade-Center, das Pentagon und weitere Orte in den USA.

Mirwais wurde im Jahr 1999 von seiner Mutter getrennt, im Jahr 2005 haben die beiden – in Österreich – wieder zueinander gefunden. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er in Afghanistan gelebt. Er sagt, vor 2001 sei das Land sehr ruhig gewesen. Niemand habe Angst um sein Leben gehabt, weil es keinen Krieg gab.

Er sagt aber auch, dass die Menschen in Afghanistan kaum Freiheiten hatten. Musik zum Beispiel war verboten. "Das tötet einen langsam", sagt Mirwais. Für eine Zeit sei ein Leben ohne Musik kein Problem, aber für immer sei es erdrückend. Fernsehen war ebenso verboten, an manchen Orten sogar Sport. Und Frauen seien damals wie Objekte behandelt worden. "Frauen waren in dieser Zeit – im modernen Sinne – versklavt", sagt Mirwais.

"Man hatte keine Angst ums Leben, weil es kein Krieg gab. Aber man hatte auch keine Freiheiten."
Mirwais Wakil stammt aus Afghanistan und ist heute Experte für Außenpolitik in Wien

"Ich hatte Glück gehabt, dass ich in einer hoch gebildeten Familie geboren bin. Da gab es Menschen in der Familie, an denen ich mich orientieren konnte", erzählt Mirwais. Durch seine Familie hatte er privat die Gelegenheit, Physik, Mathe und andere Fächer zu lernen. Denn unter dem Regime der Taliban durften Männer und Jungen zwar lernen, aber die allgemeine Bildung habe sich fast ausschließlich auf den Islam bezogen. "Für Mädchen gab es sowieso keine Schulen", erzählt er.

Entradikalisierung durch Bildung

2005 – mit 15 Jahren – konnte Mirwais seine Mutter, die inzwischen in Österreich lebte, wiedersehen und bei ihr bleiben. Er sagt heute, sie habe ihn damals "gerettet". Mirwais hatte in Afghanistan – trotz seiner Bildung – ziemlich radikale Positionen angenommen, er sei ein passiver Anhänger der Taliban gewesen, sagt er heute.

In Österreich änderte sich seine Haltung jedoch nach und nach: "Ich denke, das Wichtigste war, dass ich mit meinen radikalisierten Gedanken trotzdem in allen Diskussionen mit meinen Freunden, aber auch mit Professoren willkommen war. Wenn man gehört wird, dann hat man auch die Möglichkeit zu hören, welche Meinungen es auf der anderen Seite gibt."

"Man kann schon sagen, dass ich ein passiver Taliban war."
Mirwais Wakil stammt aus Afghanistan und ist heute Experte für Außenpolitik in Wien

Mirwais sagt heute, bereits als Junge und Jugendlicher sei Bildung für ihn ein Motor gewesen. Er wollte unbedingt studieren und hat schon früh alles drangesetzt, sein Ziel zu erreichen. Der Plan ging auf. Er hatte gute Noten und lernte Menschen in Österreich kennen, die ihm halfen. So bekam er dann später Stipendien an international renommierten Hochschulen – zum Beispiel in Princeton oder an der London School of Economics. Seine Fachgebiete: Internationale Beziehungen, Wirtschaft, internationale Entwicklung, Soziologie und Politikwissenschaft.

Mirwais hat inzwischen ein Buch über seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher geschrieben. Allerdings ist es noch nicht veröffentlicht. Außerdem schreibt er an einer Dissertation im Fach Soziologie. Er interessiert sich für die Frage: Was bewirkt das Geld, das von in Europa lebenden Afghanen in die Heimat geschickt wird? Verbessert es dort die Lebensumstände? Sorgt es für bessere medizinische Versorgung?

"Ich habe Kontakt zu den verschiedensten Gruppierungen und Freunde auf allen Seiten, auch auf der Taliban-Seite."
Mirwais Wakil stammt aus Afghanistan und ist heute Experte für Außenpolitik in Wien

Natürlich verfolgt Mirwais genau, was derzeit in Afghanistan passiert. Er hat nach wie vor Kontakt zu vielen Menschen in seinem Heimatland – sowohl Unterstützern der Taliban als auch zu Leuten, die nun große Angst haben, von den Taliban verfolgt zu werden. Besonders schwierig ist für ihn, dass viele Menschen, die nun gefährdet sind, ihn kontaktieren und um Hilfe bitten. "Das ist das Schwerste für mich auszuhalten. Nun haben sie mir schon geschrieben und hoffen, dass ich – eigentlich ein niemand – für sie eine Lösung finde."

Wenn ihr mehr über die Geschichte von Mirwais Wakil wissen möchtet und über seine Sicht auf Afghanistans Geschichte, einschließlich der aktuellen Ereignisse, dann empfehlen wir euch, das gesamte Audio anzuhören.