Wer Missbrauch oder sogar sexuellen Missbrauch erlebt hat, macht vielleicht eine Psychotherapie. Aber auch dabei kann es zu Missbrauch kommen. 

Missbrauch in der Therapie heißt nicht unbedingt sexueller Missbrauch. Wenn der Therapeut oder die Therapeutin die sogenannte Abstinenz verletzt, handelt es sich um Missbrauch. Abstinenz ist die Haltung, die Therapeuten haben müssen - das heißt, sie dürfen in der Therapie nie ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen, sondern müssen ihre Aufmerksamkeit und Zuwendung vollständig auf den Patienten richten. Das erklärt Rolf Kromat, Psychotherapeut und Berater in einer Beschwerdestelle für Missbrauchsfälle.

20 Prozent der Therapeuten wurden sexuell übergriffig

Diese Zahl ist das Ergebnis einer anonymen Befragung. Und nach einer Schätzung des Instituts für Psychotraumatologie gibt es in Deutschland mindestens 300 sexuelle Übergriffe pro Jahr in Therapien. Die Dunkelziffer dürfte jedoch noch höher sein, weil viele Patientinnen - betroffen sind vor allem Frauen - sich nicht trauen, den Übergriff zu melden.

„Eine Patientin oder ein Patient darf mit dem Therapeuten flirten oder sexuelle Fantasien haben. Dass es nicht passiert, ist Aufgabe des Therapeuten."
Rolf Kromat, Psychotherapeut in einer Beschwerdestelle für Missbrauchsfälle

Sexueller Missbrauch in einer Therapie heißt nicht immer Vergewaltigung, sagt die Psychotherapeutin Monika Becker-Fischer. Die Patientin kann sogar in dem Moment denken, dass sie den Körperkontakt auch möchte. Das heißt, nach außen hin wirkt dieser Körperkontakt vielleicht einvernehmlich. Aber weil er eben in einer Therapie stattfindet, ist er es nicht, so Rolf Kromat. Therapiebeziehungen sind sehr intime Beziehungen und die Patientinnen sind sehr abhängig von ihren Therapeuten und die sollten das auf keinen Fall ausnutzen. 

Folgen für die Betroffenen

Eine Psychotherapie ist ein geschützter Raum, den Leute beanspruchen, die schon negative Erfahrungen gemacht haben. Und wenn gerade diese Menschen erleben, dass ein Therapeut diese Grenze überschreitet, ist das sehr problematisch. 

"Die Erfahrung ist dann: Ich bekomme Anerkennung immer nur um den Preis, dass ich mich sexuell hingebe. Und sie machen damit dann in der Therapie erneut wieder eine Erfahrung, also als Menschen nicht gesehen zu werden. Und das ist dann fast retraumatisierend für viele."
Rolf Kromat, Psychotherapeut in einer Beschwerdestelle für Missbrauchsfälle

Missbrauch in der Psychotherapie ist psychisch ähnlich belastend, wie ein Missbrauch in der Kindheit. Auch wenn es schwierig scheint, rät Rolf Kromat den Betroffenen dennoch zu einer weiteren Therapie.