• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

Judentum, Islam, Christentum – die drei großen Religionen sind noch gar nicht so lange so stark voneinander abgegrenzt, wie wir heute glauben. Die Historikerin Dorothea Weltecke erklärt in ihrem Vortrag, dass die Religionen, wie wir sie heute verstehen, erst im Mittelalter entstanden sind. Bis dahin herrschte mehr religiöse Vielfalt und Koexistenz als heute.

Die starke Trennung der großen Religionen und ihr Absolutheitsanspruch haben schon für viel Leid, Qual und Gewalt gesorgt – und tun es bis heute. In der Gegenwart scheint es den meisten von uns so, als sei diese Trennung schon immer da gewesen oder zumindest schon sehr lange – jedenfalls seit Entstehung ihrer heiligen Schriften.

"In der Forschung der letzten Jahrzehnte stellte sich heraus, dass religiöse Vielfalt der historisch verbreitete Zustand ist. Die monoreligiöse Situation dagegen war eher die Ausnahme."
Dorothea Weltecke, Historikerin

Die Religionen als soziales Gebilde sind aber viel jünger als diese Offenbarungsdokumente, also Koran, Bibel und Talmud, sagt die Mediävistin Dorothea Weltecke. Das, was wir Europäer heute Religion nennen, ist ihrer Forschung zufolge tatsächlich erst im Laufe des Mittelalters entstanden. Bis dahin koexistierten die Religionen eher, markierten mehr Zugehörigkeit, denn Weltanschauung, erklärt die Historikerin.

"Ich behaupte eine echte historische Abhängigkeit zwischen den Traditionen der Juden, Christen und Muslime. Sie sind nicht einfach nacheinander entstanden und auch nicht einfach aus ihren Offenbarungsdokumenten. Sie haben sich miteinander und gegeneinander weiterentwickelt."
Dorothea Weltecke, Historikerin

Das bedeutet nicht, dass es keine Unterdrückung, keine Ungerechtigkeiten gegeben hat, ergänzt sie. Es gab sehr wohl dominierenden Glauben. Religion war aber nur eine Kategorie unter verschiedenen Kategorien sozialer Ungleichheiten.

"Das Leben eines Angehörigen einer unterlegenen Religion hatte einen rechtlich geringer bemessenen Wert. Aber es hatte einen!"
Dorothea Weltecke, Historikerin

Diese soziale Ordnung hatte einen sozialen und wirtschaftlichen Nutzen für alle, so Dorothea Weltecke. Auch die Geduldeten konnten davon profitieren. Die Christen in Asien zum Beispiel, erzählt sie im Vortrag, konnten auch unter den Muslimen zunächst noch geografisch expandieren. Und: Erst diese soziale Ordnung führte zur Herausbildung der Religionen, wie wir sie heute verstehen, glaubt sie.

Soziale Ordnung formte die monotheistischen Religionen

Das ist wohlgemerkt eine Hypothese, sagt die Historikerin und regt gleichzeitig eine Diskussion zum Thema an. In ihrem Vortrag gibt sie offen Einblick in ihren Work in Progress. Über die Ergebnisse ihrer Forschung zur Frage, wie die mittelalterlichen Gesellschaften unter christlicher und islamischer Herrschaft die Realität der religiösen Vielfalt organisiert, erklärt und bewertet haben, schreibt sie derzeit ein Buch, das im kommenden Jahr erscheinen soll.

"Was Religion ist, ist keine Frage der Definition – jedenfalls nicht für den Historiker. Für den Historiker ist es eine Frage der historischen Forschung."
Dorothea Weltecke, Historikerin

Dorothea Weltecke ist Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Zu ihren Schwerpunkten zählen unter anderem Sozialgeschichte und Vergleichende Geschichte der religiösen Vielfalt. Bis September 2020 war sie für ein Jahr Senior Fellow am Historischen Kolleg in München. Dieses Stipendium war von der C.H. Beck Stiftung finanziert und diente dazu, an ihrer Monographie zum Thema zu arbeiten.

Am Historischen Kolleg hat Dorothea Weltecke am 13. Januar 2020 auch diesen Vortrag gehalten – "Die drei Ringe: Religiöse Komplexität und die Entstehung der Religionen (8. bis 15. Jahrhundert)", so der Titel. Die Aufzeichnung haben wir vom L.I.S.A. Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung zur Verfügung gestellt bekommen. Das Portal stellt Vorträge, aber auch Videos, Dossiers und mehr aus der Wissenschaft bereit.