Wir fahren gerne Fahrrad, lassen es aber aus Bequemlichkeit gerne mal für das Auto in der Garage. Wir vergessen beim Einkaufen unseren Jutebeutel und kaufen wieder eine Plastiktüte. Eine mehr oder weniger, darauf kommt es auch nicht an oder? Der Philosoph Matthias Burchardt weiß Antworten.

"​Die meisten Menschen sind daran interessiert Gutes zu tun, nur ist es so schwer, das Gute vom Falschen zu unterscheiden."
Matthias Burchardt, Philosoph

Matthias Burchardt findet, dass es gerade bei Konsumentscheidungen schwierig ist, alles bis ins Letzte zu Durchdenken und alle Wenn und Aber in die Waagschale zu legen. Das hat häufig ein schlechtes Gewissen zur Folge: Bin ich jetzt Schuld an Kinderarbeit oder an der Umweltzerstörung? Und dann macht es uns das schlechte Gewissen echt schwer, überhaupt eine Entscheidung zu fällen.

Wir sind nicht verantwortlich

Der Einwand des Philosophen: "Mal ganz im Ernst, wir zwei sind nicht verantwortlich dafür, dass diese Dinge passieren, aber wir werden zu Mittätern, indem wir sie konsumieren." Er findet es viel bedenklicher, dass wir das schlechte Gewissen haben, während die wirklich Verantwortlichen den Profit haben. Außerdem: Unsere Handlungsmöglichkeiten sind total limitiert. Der Philosoph findet auch nicht, dass es die Aufgabe von Individuen ist, Lösungen beispielsweise für den Umgang mit Näherinnen in Bangladesch zu finden, sondern er sieht darin eine Gemeinschaftsaufgabe, dieses Problem aus Welt zu schaffen.

"Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich oft das Auto nehme und nicht das Fahrrad."
Matthias Burchardt, Philosoph

Matthias Burchardt kann das Dilemma von Karin gut verstehen und findet, dass man nicht allzu streng mit sich sein sollte. Eine Möglichkeit sieht er darin, noch weitere Optionen hinzu zu fügen, zum Beispiel könnte Karin, die zu faul ist, das Fahrrad zu nehmen, einfach auf Bus und Bahn umsteigen.

Was liegt in der Waagschale?

Auch in Bezug auf das schlechte Gewissen in Bezug auf den Co2-Verbrauch bei Flügen erweitert er die Denkmuster einfach mit der Idee: Vielleicht hat so eine Flugreise auf der anderen Seite so viele positive Effekte für uns - erweitert zum Beispiel unseren Horizont. "Wenn die politischen Verhältnisse um mich herumtoben und ich meinen Cocktail schlürfe, dann ist das vielleicht problematisch, aber wenn ich Land und Leute kennen lerne, dann ist auch dieser Fußabdruck darüber gerechtfertigt, dass ich mich bilde und Gerechtigkeit in die Welt trage."

"Manchmal ist die ökologische Rationalität vielleicht auch nicht mit Menschenrechten und Bildungsbedürfnissen einherzubringen und dann könnten wir bei einer Öko-Diktatur landen, wo alles verboten und reguliert ist. Ob das ein lebenswertes Leben ist, das weiß ich auch nicht."
Matthias Burchardt, Philosoph

Dr. Matthias Burchardt ist Akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne an der Universität Köln. Zusammen mit Noras Hespers und Andrea Mayer hat er das Buch "Ja? Nein?... Jein! - Kompass für den täglichen Gewissenskonflikt" geschrieben.