Viele Sport- und Funktionsklamottenhersteller werben bei ihren Artikeln mit dem Schlagwort "Nachhaltigkeit". Wer jedoch wirklich nachhaltig unterwegs sein möchte, sollte seine Sachen einfach länger tragen.

Eine Fließjacke, die aus Kaffeesatz-Fasern hergestellt wird, eine Schuhsohle, die zum Teil aus Algenschaum besteht, oder Stoffe, die auf der Basis von Hanf oder Bambus produziert werden – das sind definitiv innovative Ansätze.

Mit echter Nachhaltigkeit haben diese Ansätze aber nichts zu tun, sagt Kai Nebel, der Dozent an der Fakultät Textil und Design der Hochschule Reutlingen ist und sich auf Nachhaltigkeit in der Textilindustrie spezialisiert hat. Denn oft seien die natürlichen Materialien gar nicht dafür vorgesehen, sehr lange zu halten und die Funktion zu liefern, die wir wollen, sagt er.

"Neue Materialien aus Ananas, Kaffee, oder Algen, sind natürlich auch ein bisschen Marketing. Mit Nachhaltigkeit hat’s relativ wenig zu tun."
Kai Nebel, Dozent an der Fakultät Textil und Design der Hochschule Reutlingen

Zwar könne man natürliche Materialien entsprechend behandeln, damit sie beispielsweise langlebiger oder wasserabweisender werden, das habe dann aber nur noch wenig mit dem eigentlichen natürlichen Ausgangsstoff zu tun, erklärt Kai Nebel. Dann stellt sich die Frage: Ist eine normale Polyesterjacke nicht genauso nachhaltig, wie eine Jacke aus behandeltem Bambusmaterial?

Nachhaltigkeit betrifft alle Bereiche

Grundsätzlich bedeutet Nachhaltigkeit, mit den Ressourcen der Erde schonend zu haushalten. Es darf also nicht mehr genommen werden als jeweils wieder nachwachsen kann. Dabei bezieht sich der Nachhaltigkeitsbegriff nicht nur auf die Umwelt, sondern auf alle Bereiche des Lebens, also beispielsweise auch auf eine sozial gerechte und wirtschaftlich leistungsfähige Gesellschaft, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Kerstin Ruskowski.

"Nachhaltigkeit heißt, die Ressourcen der Erde nicht auszubeuten, sondern so damit umzugehen, dass sie erhalten bleiben. Dabei geht es aber nicht nur um die Umwelt, sondern auch um soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit."
Kerstin Ruskowski, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Für Sportklamotten bedeutet das also: Wer seine Klamotten nach ein, zwei Mal Tragen wieder aussortiert, handelt sicherlich nicht nachhaltig, sagt Kerstin Ruskowski.

Nachhaltigkeit ist auch Marketing

Das Problem: Der Begriff Nachhaltigkeit an sich ist nicht geschützt. Für die Firmen sei Nachhaltigkeit deshalb alles und nichts, sagt Kerstin Ruskowski. Viele Unternehmen würden mit diesem Schlagwort werben, weil sie wüssten, dass sich Nachhaltigkeit gut verkaufe. Nachhaltigkeit ist also ein gutes Marketing-Label.

„Für die meisten Firmen ist Nachhaltigkeit alles und nichts. Die werben ja sehr intensiv mit diesem Schlagwort - weil die natürlich Umsatz machen wollen und sich Nachhaltigkeit gut verkauft.“
Kerstin Ruskowski, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Viele Kunden würden dann die angepriesenen und angeblich nachhaltigen Produkte kaufen, weil sie denken, sie bräuchten sie, fügt Kai Nebel hinzu. Er rät deshalb, sich immer wieder aufs Neue die Frage zu stellen: Brauche ich das wirklich? Und wenn ja: Lege ich Wert auf Nachhaltigkeit oder Funktion?

Kai Nebel macht es kurz – für ihn sind jene Klamotten nachhaltig, die sehr lange getragen werden. Das bringt uns zu der Formel: Weniger kaufen, länger nutzen. Das Material sei da erstmal zweitrangig, sagt Kai Nebel.

"In erster Linie ist eine nachhaltige Kleidung, die ich sehr lange nutze. Also weniger kaufen und lange nutzen."
Kai Nebel, Dozent an der Fakultät Textil und Design der Hochschule Reutlingen

Nachhaltig und gleichzeitig funktionstüchtig: Schwierig

Die Herstellung von Sportklamotten, die nachhaltig sind und trotzdem vielen Bedingungen standhalten, ist für Kai Nebel eine schwierige Angelegenheit. Gerade die Ansprüche an Sport- und Funktionskleidung seien sehr hoch und je nach Anwendungsgebiet auch sehr unterschiedlich.

Wer eine nachhaltige Jacke haben möchte, die sehr wasserdicht ist und zudem warm hält, könnte beispielsweise einen Lodenmantel nehmen, wie ihn früher die Bauern getragen haben. Dieser besteht aus dicht gewebter Wolle und somit aus natürlichem Material. Der Nachteil dabei ist, dass der Mantel nicht besonders atmungsaktiv ist und sehr viel wiegt.

Man könne auch eine Baumwolljacke mit Bienenwachs einreiben, um sie wasserdicht zu machen, erklärt Kerstin Ruskowski. Diese würde aber nie so wasserdicht werden, dass sie uns vor strömendem Regen schützen könnte.

Teilweise recyceltes Material

Eine zumindest umweltfreundlichere Möglichkeit wäre, Klamotten zu kaufen, die zum Teil aus recyceltem Material, wie Plastikflaschen oder alten Fischernetzen, bestehen.

"Wenn in dem Produkt zum Beispiel recycelte Plastikflaschen oder Fischernetze verarbeitet sind, ist das schon von Vorteil für die Umwelt."
Kerstin Ruskowski, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

So würde man die Menge an Kunstfasern, die neu produziert werden würden, klein halten.

Die gesamte Lieferkette betrachten

Für Kai Nebel von der Universität Reutlingen zählt aber nicht nur der Anteil von nachhaltigem Material im Endprodukt, sondern auch die Frage, woher es kommt und wie es produziert wurde.

Hier sollte man vor allem Klamotten bevorzugen, bei denen die Lieferketten transparent gemacht werden, beziehungsweise die möglichst wenig Weg hinter sich haben. Um das herauszufinden, kann zum einen ein Gütesiegel ein Anhaltspunkt sein. Oder man fragt direkt beim Hersteller nach.