Es herrscht Ärztemangel in vielen Regionen Deutschlands. Und in solchen Zeiten sorgt folgende Meldung für Aufsehen: Die Justus-Liebig-Universität in Gießen hat ihren Studierenden im Fach Medizin Nachhilfe verordnet – weil sie sonst durchs Physikum rasseln würden. 

Eine Pressemitteilung der Justus-Liebig-Universität in Gießen sorgt für Aufsehen. Darin beklagt die Uni: Unsere Studierenden sind nicht gut genug fürs Medizinstudium. Und damit Gießen trotzdem noch einige Ärztinnen und Ärzte in deutsche Praxen und Krankenhäuser entsenden kann, gibt es jetzt Nachhilfe, für die die Uni selbst aufkommen will. Bei einem externen Anbieter. 

Der Hintergrund: Im Fach Medizin kommen bei Prüfungen vor allem Multiple-Choice-Fragen zum Einsatz. Studierende müssen sehr viel lernen, seitenweise Knochen- und Körperbezeichnungen auf Latein. Und weil Studierende ein Staatsexamen ablegen, ist das Ganze auch noch bundesweit geregelt. 

Die Uni Gießen will allerdings keine Ankreuzexperten produzieren. Sie setzt darauf, dass angehende Ärztinnen und Ärzte lernen, mit Patienten zu kommunizieren und empathisch zu sein. Die Folge: Die Ausbildung in Gießen unterscheidet sich ein bisschen von der an anderen Unis. Das klingt gut, bringt aber für die Studierende Probleme mit sich. Denn die empathischen und praxisnahen Gießener scheitern im Vergleich zum Bundesschnitt öfter an der theorielastigen Prüfung.

"Krankenpfleger, die sich entschieden haben, später Medizin zu studieren, sind vom Kopf her aus dem Prüfungs- und Lernmodus raus."
Armin Himmelrath, Hochschulreporter

Was auf den ersten Blick ein bisschen peinlich anmutet, ist also auch eine indirekte Kritik an den Prüfungsformen im Fach Medizin, sagt unser Hochschulreporter Armin Himmelrath. Denn spätestens in der Arztpraxis geht es eben nicht mehr um Expertise im Ankreuzen von Fragebögen. 

Was Gießen außerdem von anderen Hochschulen unterscheidet: 15 Prozent aller Plätze werden an Studierende vergeben, die schon Berufserfahrung haben. Also zum Beispiel Krankenpfleger, die sich nach einiger Zeit entschieden haben, Medizin zu studieren.

"Multiple-Choice-Fragen sind völlig out. Sie sind praxisfern und nicht nachhaltig. Die Leute lernen das, kotzen das Wissen an einem Tag aus und haben es dann wieder vergessen. Auch deshalb werden sie von Studierenden gerne als Multiple-Scheiß-Prüfung bezeichnet."
Armin Himmelrath, Hochschulreporter

Nachhilfekurse für Studierende finden sich auch an den Unis in Tübingen, Essen und Mainz. Im Gegensatz zu Gießen gibt es hier allerdings nur einen Zuschuss. Und dann ist da noch ein anderes Fach, bei dem die Unis bei der Stoffvermittlung nahezu kapituliert haben: Jura. 

Es finden sich in Deutschland kaum Studierende, die dieses Studium ohne das Repetitorium meistern – und das ist auch nichts anderes als Nachhilfe, sagt Armin Himmelrath. Die ist teuer und niemand spricht darüber. Und so erscheint die Unterstützung in Gießen auf einmal in einem ganz anderen Licht: Als Beitrag zur Transparenz und Offenheit. 

Eine wahnsinnige Arbeitserleichterung

Bei der Fachschaft stößt die Uni Gießen mit ihrem Kampf gegen das Kreuzchen auf offene Ohren. Auch, wenn dass alles nur eine Überbrückungshilfe sei. Sie fordert: Der Unterricht und vor allem die Prüfungen für angehende Medizinerinnen und Mediziner müssen sich verbessern. Dass sich in dieser Richtung etwas tut, ist aber eher unwahrscheinlich, sagt unserer Reporter Armin Himmelrath. 

Der Grund: Für die Unis sind Multiple-Choice-Fragen eine wahnsinnige Arbeitserleichterung. Sie können riesige Gruppen von Studierenden durch die Prüfungen jagen und das Ganze im Anschluss vom Rechner auswerten lassen. Leicht und effizient – das dürfte den meisten Unis dann doch lieber sein, als echtes Wissen abzufragen, das viel aufwendiger zu bewerten wäre, sagt Armin Himmelrath.