Einen neuen Golfkrieg hält der Nahost-Experte Guido Steinberg für unwahrscheinlich – die saudische Ölproduktion werde jedoch im Visier bleiben, die US-Truppen im Irak auch.

Nach der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch einen US-Drohnenangriff im Irak wächst die Sorge vor einem neuen Krieg im Nahen Osten. Die oberste Führung in Teheran und verbündete Milizen drohten den USA mit Vergeltung. Qassem Soleimanis Weg werde auch ohne ihn weitergeführt, aber die Kriminellen erwarte eine schwere Rache, schrieb Ajatollah Khamenei in einem Beileidsschreiben.

Sicherheitsexperten vermuten nun, dass die iranische Vergeltung sich gegen informationstechnische Infrastruktur der USA richten könnte. Inzwischen sind etwa 3000 US-Soldaten auf dem Weg in den Irak. Der Nahost-Experte Guido Steinberg hält eine offene kriegerische Auseinandersetzung trotzdem für eher unwahrscheinlich.

"Ich halte den Krieg vor allem deshalb nicht für sehr wahrscheinlich , weil Präsident Trump diesen großen Krieg nicht will, und weil die iranische Führung ihn auch nicht will."

Er nimmt an, dass die Iraner sich jetzt in aller Ruhe überlegen, wie sie auf diese Aktion der Amerikaner reagieren. Sicherlich werde die iranische Seite mit Hilfe von Verbündeten daran arbeiten, die US-Streitkräfte zum Abzug zu zwingen.

"Ich gehe fest davon aus, dass die Iraner versuchen, ihre Verbündeten im Irak zu mobilisieren, um die Amerikaner aus dem Land zu vertreiben."

Auch die Präsenz der Bundeswehr in dem Land sei nun sehr viel prekärer geworden. Wirklich gefährdet seien allerdings Israel, Saudi Arabien und etwas weniger die Vereinigten Arabischen Emirate. Insbesondere die saudi-arabische Ölinfrastruktur sei bedroht.

"Wir haben zuletzt im September gesehen, dass die Iraner mit Drohnen und Cruise Missiles Ölverladestationen der Saudis angegriffen haben. Fünf Prozent der Welt-Erdölversorgung waren für einige Wochen weg."

Die USA begründeten den Drohnenangriff auf den iranischen Militär damit, dass Qassem Soleimani seinerseits unmittelbar Angriffe auf US-Bürger vorbereitet habe. Das könne man glauben oder nicht, sagt Guido Steinberg und weist auf das entspanntes Verhältnis zur Wahrheit, dass die gegenwärtige US- Administration pflege.

Allerdings sei Qassem Soleimani bei der Einreise in den Irak getötet worden. Vor allem eine pro-iranische Miliz, die sogenannten Hisbollah Bataillone, hatten in den letzten Wochen amerikanische Militärbasen im Irak beschossen. [Über die Eskalation vor dem Drohnenangriff haben wir am 02.01.2019 mit dem Journalisten Daniel Gerlach gesprochen.]

Luftangriff nach der Anreise

Qassem Soleimani, der Kommandeur der iranischen Al-Kuds-Brigaden, war in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 2020 bei einem US-Drohnenangriff nahe dem Flughafen der irakischen Hauptstadt Bagdad getötet worden. Nach Angaben irakischer Sicherheitskräfte trafen drei Raketen zwei Fahrzeuge. Insgesamt seien acht Menschen getötet worden, hieß es. Darunter waren demnach auch der irakische Milizenanführer Abu Mahdi al-Muhandis, ein enger Verbündeter des Irans, und ein Schwiegersohn Qassem Soleimanis.

Guido Steinberg, Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik
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Guido Steinberg, Nahost-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik