Wenn klinisch Tote ins Leben zurückgeholt werden, berichten sie von Nahtod-Erlebnissen. Was dahinter steckt, versucht die Wissenschaft seit Jahren zu ergründen. Der Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth stellt einige Erklärungsansätze für dieses Phänomen vor.

Die Berichte von Nahtod-Erfahrungen ähneln sich häufig. Oft erwähnen die Wiederbelebten Lichter, auf die sie sich zubewegt haben, die Trennung der eigenen Seele vom Körper, einer Lebensbilanz, der Begegnung mit Personen, die ihnen wichtig sind, und einem Gefühl der Einheit mit dem Universum.

Medizinisch gesehen sind diese Menschen noch nicht tot gewesen, sondern haben noch gelebt, sagt der Wissenschaftsjournalist. Denn der Tod tritt nach einem Sterbeprozess ein, der sich dank der modernen Medizin viel länger hinziehen kann, als das noch vor ein paar Jahrzehnten möglich war.

"Mediziner würden sagen, die Person ist klinisch tot. Paradoxer Weise legen die Ärzte aber nicht die Hände in den Schoß, sondern werden erst recht aktiv."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Beispielsweise hört bei einem Herztod das Herz auf zu schlagen und der Kreislauf kommt zum Erliegen. Nach Sekunden wird der Mensch dann bewusstlos, etwas später hört auch die Atmung auf, es gibt keine Reflexe mehr.

Setzt in diesem Moment eine Herzdruckmassage ein, wird der Kreislauf von außen aufrechterhalten. Eine Minimalversorgung des Gehirns wird dadurch gesichert. Wird ein Mensch in diesem Moment ins Leben zurückgeholt und erlangt sein Bewusstsein zurück, kann es sein, dass dieser Mensch von Nahtod-Erlebnissen berichtet.

"Die Parallelen zu Migränepatienten oder Menschen mit Gewalterfahrung sprechen dafür, dass die Elemente der Nahtoderlebnisse ihre Wurzel im Gehirn haben."
Volkart Wildermuth, Deutschlandfunk Nova

Bereits in den Siebzigern ist dem US-amerikanischen Arzt Bruce Greyson die Ähnlichkeit zwischen den beschriebenen Phänomenen bei Nahtod-Erlebnissen aufgefallen. Daraufhin hat er eine Nahtod-Erlebnis-Skala entwickelt. Das war ein Fragebogen, der feststellen sollte, ob eine Person eine Nahtoderfahrung hatte oder nicht.

"Zur Klarstellung: Diese Menschen waren dem Tod nahe, aber sie sind nicht wirklich vom Tod zurückgekommen."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist

Sam Parnia, ein Forscher aus New York hat vor Kurzem eine systematische Studie in mehreren Krankenhäusern organisiert. Hierfür wurden Menschen nach einer Wiederbelebung direkt befragt. Etwa 20 Prozent der Befragten berichteten von Nahtod-Erfahrungen.

Manche Migränepatienten machen ähnliche Erfahrungen

Was Menschen mit Nahtod-Erlebnissen berichten, erleben auch Menschen mit bestimmten Symptomen oder Krankheitsbildern. Beispielsweise wurde festgestellt, dass manche Migränepatienten direkt vor dem Einsetzen ihrer Kopfschmerzen Lichtpunkte sehen oder das Gefühl haben, dass sie durch einen Tunnel gleiten.

Zudem haben Migränepatienten bei einer Wiederbelebung häufiger Nahtoderlebnisse als andere Menschen. Auch einige Opfer von Gewalttaten berichten, dass bei dieser Gewalttat ihr Körper erstarrt sei und sie das Gefühl hatten, dass ihr Geist ihren Körper verlassen hätte.

Diese vergleichbaren Erfahrungen legen die Vermutung nahe, dass Nahtod-Erebnisse ihren Ursprung in unserem Gehirn haben.

Verschiedene Phasen im Sterbeprozess

Eine weitere Untersuchung hat der Neurologe Jens Dreier von der Berliner Charité durchgeführt. Er hat die Gehrinaktivität im Sterbeprozess von neun Personen beobachtet, bei denen auf der Intensivstation die Geräte abgeschaltet werden mussten. Dabei zeigte sich, dass es mehrere Phasen während dieses Prozesses gibt.

  1. Wenn kein Blut mehr im Gehirn ankommt, sind die Nervenzellen für zehn, zwanzig Sekunden zunächst besonders aktiv.
  2. In Phase zwei gibt es praktisch keine Nervenimpulse, das ist sozusagen die Energiesparphase des Gehirns. Grund sind hemmende Botenstoffe, die dann im Gehirn freigesetzt werden. Nach einigen Minuten bricht diese Hemmung wieder ab. Halluzinogene Medikamente und Drogen wie Ketamin wirken über die gleichen Mechanismen. Das könnte einige der dokumentierten Nahtod-Erfahrungen erklären.
  3. In der dritten Phase passiert das Gegenteil von Hemmung - da feuern die Nerven wie wild durcheinander.

Der US-Forscher Sam Parnia geht davon aus, dass in diesem Moment vielfältige Erinnerungsmuster aktiviert werden und der Eindruck entsteht, das Leben ziehe vorüber. Einzelnen Impulse entwickeln sich schnell zu einem Feuerwerk: Die Nervenzellen entladen sich komplett auf einen Schlag.

Jens Dreier spricht von einem Tsunami, der mit drei Millimetern pro Sekunde über die Hirnrinde läuft. Auch danach sind die Nervenzellen noch nicht abgestorben, aber das Gehirn wird immer weiter heruntergeschaltet.

Die letzte Phase

Fünf bis zehn Minuten nach dem Wegfall der Blutversorgung beginnen die Nerven abzusterben. Der Neurologe Jens Dreier nimmt an, dass wenn eine Wiederbelebung gelingt, die Menschen im Nachhinein diese außergewöhnlichen Hirnzustände beschreiben können.

Christen hatten häufiger Nahtod-Erlebnisse

In einer Studie aus Sri Lanka gab es noch eine weitere Erkenntnis: Dort berichten Christen nach einer Wiederbelebung häufiger von Nahtod-Erlebnissen als Buddhisten.

Offenbar kommt es nicht nur auf die Gehirnprozesse an, sondern auch auf die Interpretationsmuster, die eine Gesellschaft anbietet, sagt Volkart Wildermuth. Allerdings haben auch Atheisten bereits von Nahtod-Erlebnisse berichtet.

"In jedem Fall ist eine Nahtoderfahrung ein einschneidendes Erlebnis, das viele dazu bewegt, ihr Leben zu ändern."
Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist
  • Moderation:  Nik Potthoff
  • Gesprächspartner:  Volkart Wildermuth, Wissenschaftsjournalist