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Es gab keine Revolution, keinen Putsch. Hitler wurde 1933 zum Kanzler ernannt – gemäß den Vorgaben einer demokratischen Verfassung. Ein Vortrag des Historikers Markus Raasch über das Ende der Demokratie und die Etablierung der NS-Diktatur.

Die nationalsozialistische Diktatur begann unspektakulär. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler die Macht übergeben. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler. Wie gelang es dem Nationalsozialismus, die Republik abzuschaffen und eine totalitäre Diktatur zu errichten? Welche Mittel wurden dazu eingesetzt? Welche Rolle spielte die Bevölkerung? Um diese Fragen geht es im Vortrag von Markus Raasch. Markus Raasch ist Historiker und außerplanmäßiger Professor an der Universität Mainz.

"Das NS-Regime betrieb großen Aufwand, die bestehenden Ressentiments zu triggern."
Markus Raasch, Historiker

"Die Menschen machten mit", sagt Markus Raasch. Ohne die Breite Unterstützung der Bevölkerung in Deutschland hätte die NS-Diktatur nicht errichtet werden können.

Vorurteile wurden ausgenutzt

Dabei spielte es eine wichtige Rolle, dass es den Nationalsozialisten gelang, an Vorurteile und Ressentiments anzuknüpfen, die in der Bevölkerung bereits vorhanden waren.

"Die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur ohne das Mittun der großen Mehrheit – undenkbar."
Markus Raasch, Historiker

Viele Menschen sehnten sich nach "Ruhe, Ordnung und Anstand", so Raasch. Die Verfolgung und der Kampf gegen Andersdenkende oder angebliche "Volksschädlinge" betrachteten viele Menschen als Voraussetzung oder notwendiges Übel auf dem Weg dorthin, argumentiert Raasch in seinem Vortrag.

Große Bereitschaft zur Selbstgleichschaltung

Es gab auch Non-Konformität. Menschen machten sich über NS-Führer lustig, verweigerten den Hitlergruß oder mieden Veranstaltungen der NSDAP. Aber dieser Widerstand war fast immer punktuell und auf die Situation bezogen und keine grundsätzliche Kritik am nationalsozialistischen System. Es gab, laut Markus Raasch, eine "große Bereitschaft zur Selbstgleichschaltung". Das war ein zentraler Faktor für die Absetzung der Demokratie.

"Es sei mir am Ende gestattet, darauf hinzuweisen, dass solche Erkenntnisse immer noch und immer wieder auch für die Problemlagen der Gegenwart, nicht nur in Thüringen, Orientierungswissen bereitstellen können."
Markus Raasch, Historiker

Heute sind Resilienz, Widerstandfähigkeit oder Verletzlichkeit unserer Demokratie ein großes Thema. Gerade in der aktuellen Lage scheint es wichtiger als zuvor, besser zu verstehen, wie die Nationalsozialisten die Demokratie abschaffen konnten, welche Rolle bestehende Ressentiments dabei spielten und warum es entscheidend war, dass eine Mehrheit der Bevölkerung mitmachte.

Markus Raasch ist Historiker und außerplanmäßiger Professor am Arbeitsbereich Zeitgeschichte der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Sein Vortrag hat den Titel "Gleichschaltung und Selbstgleichschaltung – Wie der Nationalsozialismus die Demokratie absetzte". Er hat ihn am 05. Juli 2023 im Rahmen der Ringvorlesung "Abgesetzt! Herrschende und Eliten von der Antike bis heute" des Historischen Seminars der Universität Mainz gehalten.

Shownotes
Nationalsozialismus
Wie die Demokratie abgeschafft wurde
vom 07. September 2023
Moderation: 
Sibylle Salewski
Vortragender: 
Markus Raasch, Historiker, Johannes Gutenberg Universität Mainz